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Westfalen-Blatt / Höxtersche Zeitung ,
24.02.2020 :
"Erinnern lehrt uns Mitgefühl"
Dorfgemeinschaft gedenkt der Opfer: vor 75 Jahren Bombenangriff auf Ottbergen
Von Sabine Robrecht
Ottbergen (WB). Sie gingen zur Arbeit oder zur Schule. Und als sie - wie immer - einige Stunden später nach Hause kamen, war dort nichts mehr wie vorher. Angehörige, denen sie am Morgen noch zum Abschied gewunken hatten, lebten nicht mehr. Das Haus lag in Schutt und Asche.
Für viele Menschen in Ottbergen war dieser Albtraum am 22. Februar 1945 kein angenommenes Schreckensszenario, sondern bittere Wirklichkeit. Dieser Vorfrühlingstag brachte unfassbares Leid über viele Familien. 40 US-Bomber warfen um 14 Uhr ihre tödliche Fracht über Ottbergen ab. Der Angriff galt dem Bahnhof, 20 Bomben trafen aber Häuser unter anderem in der Hindenburgstraße und der Mittelstraße und den Tunnel "Am Sprung". 90 Menschen starben.
75 Jahre später haben sich zur Stunde des Angriffs Menschen am Grab der Opfer auf dem Friedhof versammelt, um ihrer zu gedenken. Die Dorfgemeinschaft hält die Erinnerung an diesen schwarzen Tag wach. Ortsausschussvorsitzende Eva Müller hielt am 75. Jahrestag eine bewegende Ansprache. "Das Ausmaß von Angst und Verzweiflung, den Schmerz der Opfer und Hinterbliebenen können wir nur erahnen", sagte die Christdemokratin. "Wer diesen Angriff überlebte, war körperlich und seelisch schwer gezeichnet. Viele konnten erst Jahre später über das Erlebte sprechen."
Ihr Großvater, so Eva Müller, werde wohl auch unter dem Eindruck dieser Geschehnisse am 5. April 1945 mit einer weißen Fahne den herannahenden Amerikanern entgegen gegangen sein. "Er erklärte, dass Ottbergen nicht verteidigt wird. So konnte er einen Beschuss und weitere Opfer verhindern."
"Aufrichtige Erinnerung lehrt uns Mitgefühl", brachte Eva Müller eine klare Überzeugung zum Ausdruck. "Die Opfer dürfen nicht vergessen werden." Die Kommunalpolitikerin sprach sich für ein Gedenken aus, das das Leid der Opfer und Hinterbliebenen in den Mittelpunkt stelle, zugleich aber auch die Gründe für dieses Leid sehe und nicht leugne. Bei Kriegsende 1945 hätten weite Teile Europas in Schutt und Asche gelegen. "Wir müssen uns fragen, wie in einer zivilisierten Gesellschaft alle Dämme brechen konnten und alle Regeln von Mitmenschlichkeit und Humanität missachtet und barbarische Gewalt entfesselt werden konnte." Diese Gefahr - das zeige die Gegenwart - sei bis heute nicht gebannt. "Wir tragen alle Verantwortung für das Zusammenleben und die Demokratie in unserem Land und müssen wachsendem Nationalismus und Rechtspopulismus entgegentreten", mahnte Müller, die zusammen mit Ortsheimatpfleger Bernhard Föckel am Grab der Opfer einen Kranz niederlegte.
Pfarrdechant Dr. Hans-Bernd Krismanek und der evangelische Pfarrer Gunnar Wirth gestalteten die würdige Feier ebenso mit wie der Kirchenchor Heilig Kreuz mit Unterstützung des Männerchores und die Blaskapelle Godelheim. Die Geistlichen gedachten auch der Opfer des Anschlags von Hanau und der Hinterbliebenen.
Bildunterschrift: Am Kreuz brennen 90 Kerzen. Auf den Gedenksteinen haben Angehörige Blumen niedergelegt und eine Kerze angezündet. Zur Stunde des Angriffs - um 14 Uhr - versammeln sich am 75. Jahrestag viele Menschen am Grab der Opfer.
Bildunterschrift: Fahnenabordnungen der Vereine und viele Bürgerinnen und Bürger gehen gemeinsam zur Gedenkfeier zum Friedhof.
Bildunterschrift: Ortsausschussvorsitzende Eva Müller (links) hält auf dem Friedhof eine bewegende Ansprache.
Kommentar
Die Schicksale Einzelner wecken im Gedenken an die Opfer von Krieg und Terror mehr Empathie als Zahlen und Fakten. Daher ist es ein Segen, dass Bernhard Scheideler bewegende Zeitzeugen-Berichte des verheerenden Luftangriffs auf Ottbergen dokumentiert hat. Diese Schicksale lassen niemanden kalt. Sie berühren uns im Innersten und bringen Mitgefühl hervor. Dieses ist wichtiger denn je. Denn es macht hellhörig - und ermutigt uns hoffentlich dazu, der wachsenden Radikalisierung auch im verbalen Umgang miteinander einen Ton der Sachlichkeit und Mitmenschlichkeit entgegen zu setzen. Nur so können wir den Frieden sichern, in dem wir 75 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg noch leben dürfen. Gebt Hass keine Chance! Und lasst euch in den Sozialen Netzwerken dieser Zeit nicht in den Sog dumpfer Hetz-Kommentare hineinziehen. Schützt die Demokratie! Dazu mahnen uns auch die Opfer von Ottbergen.
Sabine Robrecht
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