|
Westfalen-Blatt / Espelkamper Zeitung ,
24.02.2020 :
"Erschreckende Normalität des Täters"
Söderblom-Schüler von szenischer Lesung über Adolf Eichmann tief beeindruckt
Espelkamp (WB). In den vergangenen Wochen haben die Menschen weltweit der Befreiung von Auschwitz vor 75 Jahren gedacht. Bis Ende Januar 1945 wurden über eine Million Menschen, die meisten davon Juden, allein dort ermordet. Insgesamt rund sechs Millionen Juden sind den Nationalsozialisten zum Opfer gefallen - ein beispielloser Zivilisationsbruch in der Geschichte.
Mit einem Mann der als Hauptverantwortlicher für die Organisation des Holocaust gilt, haben sich Schüler des Söderblom-Gymnasiums deshalb befasst: SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann, der Inbegriff eines Schreibtischtäters. Was für ein Mensch war er? Ein Sadist? Ein skrupelloser Karrierist? Oder doch nur ein Befehlsempfänger, der seine Pflicht erfüllte, weil er keine andere Wahl hatte? War er somit sogar ein Opfer? Diesen Fragen geht die szenische Lesung nach, die Bernd Surholt und Harald Schandry vom Ensemble der Hannoverschen Kammerspiele der Jahrgangsstufe Q2 in der Aula des Söderblom-Gymnasiums präsentierten.
Eichmann war die zentrale Figur für die Verfolgung, Vertreibung und Ermordung der europäischen Juden. Fünf Jahre nach Kriegsende gelang seiner Familie die Flucht nach Argentinien, wo die Eichmanns unter ihrem richtigen Namen unbehelligt lebten. 1960 wurde Adolf Eichmann vom israelischen Geheimdienst Mossad aufgespürt und nach Israel entführt, wo ihm der Prozess gemacht wurde. Er wurde er zum Tode verurteilt und zwei Jahre später hingerichtet.
Die Schauspieler stellten Gespräche nach, die Avner Less, ein gebürtiger Berliner und einziger Holocaust-Überlebender seiner Familie, im Rahmen des Verhörs in Israel mit Eichmann führte. Aus den mitgeschnittenen Verhörprotokollen wurden Originalaussagen verwendet und durch tagespolitische Bezüge der NS-Zeit ergänzt.
"Ich habe nie einen Juden getötet, auch keinen Nicht-Juden, ich habe überhaupt keinen Menschen getötet, nie!" - wie ein Mantra beteuerte Eichmann immer wieder, dass er "nie eine Weisung zum Töten gegeben" habe. Dabei war er als Protokollant bei der Wannsee-Konferenz dabei, wo die "Endlösung der Judenfrage" beschlossen wurde. Er war in Minsk ("da war ich froh, dass die Erschießung fast durch war") und in Lodz, wo er sah, wie Leichen in eine Grube geworfen wurden ("da war ich bedient, da war ich fertig"). In Auschwitz wurde ihm schlecht angesichts des beißenden Geruchs nach verbrannten Leichen. "Arzt hätte ich nicht werden dürfen" - er konnte kein Blut sehen. Seine Aufgabe sei nur die "Evakuierung" gewesen, also die Deportation der Juden in die Vernichtungslager; was die Deportierten am Zielort erwartete, habe nicht in seiner Verantwortung gestanden. Er habe nur "reinen Gewissens und gläubigen Herzens" seine ihm befohlene Pflicht getan. Keine Reue, keine Einsicht in persönliche Schuld.
In der anschließenden Diskussion wurden weitere Informationen vermittelt, die Adolf Eichmanns Aussagen noch verstörender wirken lassen. Er sei "nur" für die Deportation zuständig gewesen. Eichmann wusste genau, was die Deportierten erwartete, über die Tötungsmaschinerie war er bestens informiert. Auch über die erzwungene Verwendung der Asche als Dünger oder Asphaltbeimischung. 1957 schrieb er über das Kriegsende: "Hätten wir noch einige Monate länger Zeit gehabt, hätten wir den jüdischen Hauptfeind eliminiert."
Am Ende der Veranstaltung herrschte ziemliche Stille in der Aula. Das Stück ließ wohl keinen unberührt - trotz aller Vorkenntnisse aus dem Unterricht. "Die erschreckende Normalität des Täters und sein völliges Unverständnis darüber, sich schuldig gemacht zu haben - das macht sprachlos und betroffen", berichtet Lehrerin Elisabeth Müller-Prunsche. "Bleibt zu hoffen, dass diese Eindrücke die Jugendlichen nachhaltig prägen und sie sich ihr Gewissen und ihren Sinn für Menschlichkeit bewahren."
Bildunterschrift: Im Originalwortlaut präsentieren Bernd Surholt (links) als Adolf Eichmann und Harald Schandry als Verhöroffizier Avner Less Szenen aus den Verhörmitschnitten.
|