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Zeit Online , 23.02.2020 :

Gruppe S.: Der neue Wutbürger-Terrorismus

23.02.2020 - 11.41 Uhr

Die rechtsextreme Zelle Gruppe S. besteht aus Mitgliedern ganz unterschiedlicher rechter Strömungen. Eine toxische Mischung. Ist das eine neue Form des Terrorismus?

Von Christian Fuchs, Astrid Geisler, Anton Maegerle, Paul Middelhoff, Daniel Müller und Sascha Venohr

Als die Polizei am vorvergangenen Freitag im bayerischen Mickhausen ein in die Jahre gekommenes graues Haus stürmt, findet sie eine geladene Pistole im Kaliber neun Millimeter und weitere Munition. Werner S., der Mann, den die Polizisten festnehmen, soll der Anführer einer rechten Terror-Organisation sein, die in der Öffentlichkeit nun nach ihm benannt wird: Gruppe S.

Insgesamt 13 Personen sollen ihr angehören, Männer zwischen 31 und 60 Jahren. Bis auf einen sitzen sie alle in Untersuchungshaft. Vier Männer bildeten den Kern der Gruppe, glauben die Ermittler, neun weitere sollen geholfen haben, Waffen und Geld zu besorgen und zugesichert haben, bei Anschlägen mitzumachen. Den Kontakt untereinander hielten sie vor allem über Mails und über Telegram-Chats. Einige der Männer trafen sich aber auch mindestens zwei Mal konspirativ in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. Ihr Ziel laut Generalbundesanwalt: Anschläge auf Moscheen, Politiker und Migranten in Deutschland, um so "bürgerkriegsähnliche Zustände" herbeizuführen. Sie wollten, lautet der Vorwurf, das politische System des Landes umstürzen.

Rechte Gruppen verbinden sich

Die Gruppe S. zeigt ein neues Phänomen im Rechtsterrorismus: die Verbindung verschiedener, bislang voneinander unabhängiger Strömungen. Nach Recherchen von Zeit Online sind unter den Mitgliedern stramme Neonazis und Aktive in rechtsextremen Bürgerwehren, aber auch so genannte Reichsbürger und Verschwörungstheoretiker, die an Chemtrails glauben - und AfD-Sympathisanten. Jede dieser Szenen hat unterschiedliche ideologische Ausrichtungen. Eine terroristische Vereinigung mit so heterogenem Personal war bislang nicht bekannt.

Rechte Terror-Gruppen der vergangenen Jahre stammten meist aus einem bestimmten Milieu: Bei der Bamberger Gruppe, bei Revolution Chemnitz, der Gruppe Freital oder auch beim so genannten NSU fanden sich stets Neonazis mit homogenen Weltbild zusammen, die sich in einer rechten Kameradschaft oder in einem Freundeskreis kennengelernt hatten.

Bislang rekrutierten sich solche Gruppen aus derselben Stadt oder Region, die Mitglieder verbrachten meistens viel Zeit miteinander und radikalisierten sich gemeinsam. Sie begingen zuerst kleine Taten, später wurden daraus dann Planungen für Terror-Anschläge. Uwe Mundlos, Beate Zschäpe und Uwe Böhnhardt beispielsweise schändeten als Mitglieder einer Kameradschaft zuerst ein Denkmal, provozierten in einer KZ-Gedenkstätte und versteckten eine Bomben-Attrappe im Fußballstadion in Jena, bevor sie in den selbst ernannten Nationalsozialistischen Untergrund gingen und ihre Mord-Serie in ganz Deutschland starteten.

Chat-Gruppe namens "Der harte Kern"

Bei der Gruppe S. gibt es kein solches Muster mehr. Die Mitglieder tauschten sich zwar in der gemeinsamen Chat-Gruppe namens "Der harte Kern" aus, stammen aber aus ganz Deutschland: Vier leben in Nordrhein-Westfalen, drei in Bayern, drei in Baden-Württemberg, zwei in Sachsen-Anhalt und ein Mann kommt aus Niedersachsen. Sie leben in Städten wie Minden, Coswig, Kirchheim unter Teck und Rheinmünster. Einige sind Familienväter, haben Kinder. Andere leben als Single. Unter ihnen sind Aktive, die bereits vorbestraft sind oder als rechtsextreme "Gefährder" gelten, andere waren den Behörden bisher noch nicht aufgefallen. Ein Mann nennt sich auf Facebook "Germanischer Adler", ein anderer teilte dort ein gefälschtes Bild, dass Barack Obama feiernd mit Osama bin Laden zeigt. Ein mutmaßliches Mitglied aus Bayern postete ein Video der Band Asatru - der germanisch nordische Glaube, die Gruppe gilt als Vertreter des Nationalsozialistischen Black Metal.

Die Männer verdienen ihr Geld als angestellte Fliesenleger, Sanitärinstallateuren oder Lageristen. Aber auch Unternehmer wie ein Internethändler und der Besitzer einer kleinen Firma aus der Metallbranche sind dabei. Und ein Verkehrspolizist aus Hamm. Laut Spiegel soll der Polizist Thorsten W. früher zeitweise für die Vergabe von Waffenscheinen zuständig gewesen sein. In seiner Freizeit kleidete sich der 50-Jährige wie ein germanischer Krieger, mit Schwert und Schild, sein Profil in den Sozialen Medien zeigte Hakenkreuze und SS-Symbole. Nach Informationen von Zeit Online soll W. auch Gastkunde im Shop der NPD-Zeitung Deutsche Stimme gewesen sein.

Sucht man nach Gemeinsamkeiten unter den 13 Personen, dann fällt auf, dass etliche der Männer der Gruppe S. sich bei rechtsextremen Bürgerwehren engagierten oder in der Vergangenheit auf NPD-Demonstrationen aufgefallen sind. Doch unter den Mitgliedern sind nicht nur klassische Neonazis, sondern auch Männer, die sich in den vergangenen Jahren von der "alten" Rechten abgewandt und den "Neuen Rechten" zugewandt haben. So wie Werner S., der 53-jährige mutmaßliche Hauptverdächtige.

Der als rechtsextremer Gefährder eingestufte Mann tauchte im Jahr 2007 noch mit einer Münchner Adresse in der Interessentenliste der NPD auf. Zehn Jahre später scheint er sich jedoch von der neonazistischen Partei abgewandt zu haben und sandte eine Nachricht an die AfD. Darin bekundet er Interesse für die damals noch als rechtspopulistisch wahrgenommene Partei. Das bestätigte die AfD gegenüber Zeit Online.

Toxische Mischung aus politischer Enthemmung und Waffen

Wer sich die Äußerungen und öffentlich sichtbaren Profile der einzelnen Mitglieder anschaut, erkennt, dass die Gruppe Neonazis und Anhänger der Neuen Rechten umfasst. Ein Phänomen, das sich im nicht militanten Bereich schon länger beobachten lässt. Erst kürzlich besuchte die ehemalige Pegida-Sprecherin Kathrin Oertel eine Kundgebung mit Neonazis in Dresden. In Nordrhein-Westfalen nahmen neurechte Identitäre in den vergangenen Monaten an Demonstrationen von Neonazis und "Bürgerwehren" teil - obwohl Identitäre sich zuvor offiziell stets von der Rassenideologie der Neonazis distanziert hatten. Die heterogene Zusammensetzung der Gruppe S. bestärkt nun die Befürchtung, dass aus diesem Mix eine neue Form der Militanz erwächst, eine Art Wutbürger-Terrorismus.

Für die Sicherheitsbehörden bedeutet eine Zusammensetzung wie die der Gruppe S. deshalb eine neuartige Herausforderung. Neben den bereits seit Längerem bekannten Ermittleralbtraum vom unauffälligen, unvernetzten Einzeltäter - wie zum Beispiel dem mutmaßlichen Attentäter von Hanau, Tobias R. - tritt nun das Problem kaum noch vorhersehbarer Zusammenschlüsse, bei denen die hergebrachten Identifizierungsansätze - räumliche Nähe, ideologische Kohärenz - nicht mehr ohne Weiteres greifen. Solche Gruppen zu entdecken, dürfte um Einiges schwieriger sein.

Bürgerwehren als Gemeinsamkeit

Im Falle der Radikalisierung der Protagonisten der Gruppe S. scheint noch am ehesten das Interesse an rechten Bürgerwehren eine verbindende Rolle gespielt zu haben. Einige Personen aus der Gruppierung sind zwar noch überhaupt nie in rechtsextremen Zusammenhängen aufgefallen. Andere jedoch besuchten in den vergangenen Jahren Demonstrationen der rechten Bürgerinitiative Magdeburg oder waren bei der rassistischen Bürgerwehr Soldiers of Odin aktiv, so etwa Steffen B. und Stefan K. aus Sachsen-Anhalt.

Ein Mann aus München-Laim, der ebenfalls der Gruppe S. zugerechnet wird, wurde überdies nach Informationen von Zeit Online noch vor einem Jahr bei einem Fackelmarsch von Rechtsextremen auf dem Nürnberger Reichsparteitagsgelände von der Polizei kontrolliert. Er soll Präsident der bürgerwehrähnlichen Gruppe Wodans Erben Germanien in Bayern sein, die 2018 aus den Soldiers of Odin hervorgegangen ist.

Laut Burkhard Körner, dem Chef des bayerischen Verfassungsschutzes, organisiert sich die bayerische Division von Wodans Erben in kleinen Gruppen von drei bis fünf Personen und ist in der Vergangenheit in mehreren Orten in Bayern Patrouille gelaufen. Sie trugen dabei einheitliche Kleidung und wollten den Bürgern suggerieren, dass Flüchtlinge und Migranten deutsche Straßen unsicher machten und der Staat die Kontrolle verloren habe, sagte Körner zu Zeit Online. "Damit stellten sie das staatliche Gewalt- und Ordnungsmonopol grundsätzlich in Frage." Ihren Ursprung hat die Bewegung in Finnland. Im Freistaat liege ihre Mitgliederzahl "im unteren zweistelligen Bereich". Der Landesverfassungsschutz betrachtet die Gruppierung Wodans Erben Germanien in Bayern als rechtsextrem.

Dass einige Mitglieder dieser Gruppen nicht nur Streife laufen wollten, sondern mehr planten, mussten die Polizisten bei ihren Razzien gegen die Gruppe S. in der vorvergangenen Woche feststellen. Neben der Pistole, die sie beim mutmaßlichen Chef der Gruppierung fanden, beschlagnahmten sie bei anderen mutmaßlichen Komplizen auch diverse Messer, Äxte, Chemikalien, Morgensterne sowie eine Armbrust. Und eine so genannte Slam-Gun, eine selbst gebaute Schusswaffe, mit der Schrotpatronen abgefeuert werden können. Mit einer solchen Waffe hatte der Attentäter von Halle im vergangenen Jahr versucht, durch die Tür der Synagoge zu schießen.

Bildunterschrift: Mitglieder der selbst ernannten Bürgerwehr Wodans Erben, die der Verfassungsschutz Bayern als rechtsextrem betrachtet.


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