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Mindener Tageblatt ,
24.10.2017 :
Die Vielfalt der Codes am rechten Rand
Die Mobile Beratung zeigt Waldorf-Eltern, woran rechtsextreme Einflüsse zu erkennen sind / Mit Zahlensymbolik, Zeltlagern, Modemarken und Musik versuchen rassistische Gruppen, Anhänger zu binden
Von Jürgen Langenkämper
Minden-Haddenhausen (mt). "Die rechte Szene ist breit und sehr gut vernetzt", macht Dr. Karsten Wilke von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus mit seinem Vortrag "Lifestyle, Zeichen und Codes der extremen Rechten" in der Freien Waldorfschule in Haddenhausen klar. Rund 250 bis 300 organisierte Rechte gebe es in Ostwestfalen-Lippe. Darum herum kreist mehr oder minder lose eine Peripherie der rechtsextremen Subkultur, in die vor allem Jugendliche auf der Suche nach Neuem, nach Abwechslung und manchmal auch nach Grenzüberschreitung leicht hineingezogen werden können.
Doch wie können Eltern, Lehrer und Mitschüler erkennen, wenn ein Jugendlicher neue "Freunde" aus der rechten Szene hat? Ein Anhaltspunkt kann das Tragen bestimmter Bekleidungsmarken sein, ein anderer das Verwenden von Codes - oft in Form von Zahlen. Während die Bedeutung von 18 und 88 als Symbole für den ersten und achten Buchstaben im Alphabet, A und H, den Initialen für Adolf Hitler, inzwischen den meisten bewusst sein dürfte, sind "14 words", kurz: 14, weniger bekannt. Dahinter verbirgt sich das aus den USA stammende "rassistische Manifest". Beliebt sind auch das so genannte Keltenkreuz und die Wolfsangel.
Einschlägige Kleidermarken, die nicht alle selbst nazistisch sind, aber gern von Rechtsextremen getragen werden, sind "Consdaple", "Doberman", "Fred Perry" und "Masterrace", während sich das frühere Skinhead-Label "Lonsdale" - wie "Fred Perry" - explizit vom Neonazismus distanziert hat. "Thor Steinar" aber ist eine Erkennungsmarke eingeschworener Rechter. "Da kommen Sie nur durch Beziehungen ran. Die gibt es nicht im Laden", sagt Wilke.
Ursula Haverbeck-Wetzel ist jedes zweite Wochenende für Vorträge unterwegs
Rechte Kreise in OWL wollten vor ein paar Jahren sogar eine eigene regionale Marke aufbauen: "Hermannsland". Ohne nachhaltigen Erfolg.
Vor 20 Jahren waren gewaltbereite rechte Skinheads an ihrem einheitlichen Aussehen mit kahlrasiertem Schädel zu erkennen. "Heute ist die Szene vielfältig", sagt Wilke. Die Mitglieder und Sympathisanten verbindet die Suche nach gemeinsamer Action, oft verbunden mit Alkoholkonsum und Gewalt, eine Verherrlichung des Kämpferischen, Rebellischen, des Untergrundkampfs.
Ein gemeinschaftlicher Erlebnisort und Schauplatz für Konzerte rechtsextremer Musik war bis 2010 ein Bunker in Minden, bis die Sache durch einen Überfall auf das vermeintlich linke Szenelokal "Hamburger Hof" aufflog. Danach, bis 2015, fungierte ein ehemaliger Bahnhof in Lage als verbindender Ort.
Aus der Region kommen rechtsradikale Musiker wie Marco Bartsch aus Verl, Sänger der Band "Sleipnir". Der "nationale Rapper" Julian Fritsch alias "MaKss Damage" ist aus Gütersloh.
Die Partei "Die Rechte" verteilte Anfang 2016, wie schon früher die NPD, "Schulhof CDs" mit rechtsextremer Musik und demokratiefeindlichen, rassistischen Texten. Wie schwierig es ist, manche Dinge oder einschlägig agierende Personen immer schnell zu identifizieren, zeigte der Fall des Landesvorsitzenden dieser Partei: Sascha Krolzig konnte im Jahr 2013 unerkannt als Praktikant im Rathaus von Werther agieren, bevor er sich dessen im Internet brüstete.
Im Internet war auch der in Minden und Schaumburg aktive Marcus Winter mit einer eigenen Homepage rührig. Daneben organisierte er Rechtsrock-Konzerte und Demonstrationen wie Aufmärsche in Bad Nenndorf.
Ebenfalls aus der Region stammt die bundesweit bekannte Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck-Wetzel, die das verbotene "Collegium Humanum" leitete. Dass die Bild-Zeitung die 88-jährige Vlothoerin als "Nazi-Oma" titulierte, ist eine "Verharmlosung" in den Augen Karsten Wilkes. "Sie ist an jedem zweiten Wochenende in Deutschland unterwegs und hält Vorträge."
Mit Postkarten-Aktionen will die Partei "Der III. Weg" auf sich aufmerksam machen. Sie bedroht damit Asylsuchende und Flüchtlingshelfer.
Schon sehr früh versucht die völkische "Heimattreue Deutsche Jugend" (HDJ) des Detmolders Gerd Ulrich, Kinder und Jugendliche mit Zeltlagern an sich zu binden. Gerade erst hat die Aussteigerin Heidi Benneckenstein in ihrem druckfrischen Buch "Ein deutsches Mädchen. Mein Leben in einer Neonazi-Familie" ihren Weg hinaus aus diesem Milieu geschildert.
Ulrich gehört der so genannten "Artgemeinschaft" an wie auch der ehemalige, an diesem Abend nicht genannte Waldorf-Lehrer, der seine Schule durch seine Verstrickung und aktive Rolle in rechten Kreisen vor zwei Jahren in eine tiefe Krise stürzte. In Publikationen der "Artgemeinschaft" taucht immer wieder das Symbol der Irminsul, einer heidnischen Kultstätte, auf.
Die Externsteine sind beliebtes Ziel rechter Reisegruppen
Großer Beliebtheit bei rechten Reisegruppen, aber ebenso bei Esoterikern erfreuen sich die Externsteine, wo die Irminsul vermutet wurde. Rechte Reiseziele sind auch die Wewelsburg, die von der SS genutzt worden war, und das Hermannsdenkmal.
Anti-islamistisch geprägt ist die aus Frankreich stammende "Identitäre Bewegung". Ihr Zahlencode 732, 1529, 1571 und 1683 weist auf siegreiche Schlachten gegen muslimische Heere hin.
In der Diskussion, zu der der Vorstand der FWS unter Leitung von Peter Bücker eingeladen hat, werden Fragen nach dem Einfluss von Verschwörungstheorien und der Rolle von Neusiedlern oder Neuheiden aufgeworfen. Es gebe Überschneidungen, so Wilke. Neusiedler seien "eine Spielart der rechtsextremen Szene, eine Parallelgesellschaft in dörflichen Gemeinschaften".
Viel gefährlicher als manche rechtsradikale Gruppierung sind in den Augen von Manfred Stock, dem Vorsitzenden des Vereins "Minden für Demokratie und Vielfalt", der den Klärungsprozess an der Waldorfschule ebenso wie die Mobile Beratung begleitet hat, fremdenfeindliche Tendenzen im Alltag, "wenn mein Nachbar anfängt zu sagen, das wird man doch wohl noch sagen dürfen ... " Oft folgten dann Fragmente rechten Gedankengutes gegen das im Grundgesetz verankerte Recht auf Asyl.
Kommentar
Bildunterschrift: Anti-islamisch: Die "Identitäre Bewegung" hat ihre Wurzeln in Frankreich. Ihr Logo ist das Lambda in einem Kreis.
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