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Mindener Tageblatt , 08.11.2017 :

Jüdischer Glaube in der Dachkammer

Leo van Santen liest aus dem Briefwechsel zwischen Manuel Goldschmidt und Claus Victor Bock

Petershagen (mt/plö). Der Literaturprofessor und ehemalige "Ritchie Boy" Guy Stern gibt einen Rat: "Wer einmal oder noch einmal wissen möchte, wie Exilanten die deutsche Sprache auf hohem Niveau aufrecht erhielten, der lese diese Briefe." Stern, der bereits viermal auf Einladung der Arbeitsgemeinschaft Alte Synagoge in Petershagen weilte, meint jene Briefe, die am Sonntag, 12. November, in der Synagoge vorgestellt werden.

Nach dem Termin mit Ministerin Yvonne Gebauer, die zum Gedenktag an die Novemberpogrome am Donnerstag dieser Woche eine Kooperationsvereinbarung zwischen AG Alte Synagoge und dem städtischen Gymnasium unterzeichnet (MT berichtete), besteht weiter die Möglichkeit, sich direkt mit dem Alltag im Nationalsozialismus und den Nachkriegsjahren auseinanderzusetzen. Das Buch mit dem Titel "Der Briefwechsel von Manuel Goldschmidt und Claus Victor Bock (1945 bis 1951)" wird am 12. November um 16 Uhr in der Alten Synagoge vorgestellt.

Vor Ort sind Angrid Titanus aus Utrecht für die Van-Cassel-Stiftung, als Moderatorin Astrid Vehstedt aus der Berliner Wilhelm-Fraenger-Gesellschaft und Dr. Dr. Leo van Santen aus Den Haag, Herausgeber des Buchs. Leo van Santen wird aus den Texten vorlesen. Gastgeberin und Veranstalterin ist die Arbeitsgemeinschaft Alte Synagoge.

Im Sommer 1938 verließ das jüdische Ehepaar Margot und Fred Bock mit dem zwölfjährigen Sohn Claus seine Heimatstadt Hamburg. Grund war der immer aggressivere Antisemitismus, die Familie zog nach Brüssel. Als Fred Bock im Auftrag belgischer Geschäftsfreunde nach Indien emigrieren konnte, entschieden sich die Eltern von Claus Bock, den Jungen in Europa in einem Internat der Quäker in Eerde / Niederlande zu lassen.

Margot Bock meinte nicht nur, dass ihr Sohn eine Schulbildung in der reformpädagogischen Tradition des deutschen Landerziehungsheims erhalten sollte, sondern auch, dass die Eerdener Hausmutter Josi Warburg, ihre ehemalige Klassenkameradin, ihn gut betreuen würde. Zudem hatte die Quäkerschule inzwischen viele deutsch-jüdische Emigrantenkinder aufgenommen. Claus, einst Schüler einer Talmud-Thoraschule, durfte in einer Dachkammer die jüdischen Feiertage halten.

Aus Berlin kam im Juni 1939 Helene Goldschmidt mit ihrem Sohn Rudolf (auch zwölf Jahre alt) - den Namen Manuel bekam er erst Jahre später - am Amsterdamer Hauptbahnhof an. Obwohl nur sein Vater, der 1935 verstorbene Kunsthistoriker und Galerist Fritz Goldschmidt, jüdisch war, schien es seiner Mutter nach dem Novemberpogrom 1938 sicherer, wenn Rudolf seinem älteren Bruder Peter nach Eerde folgen würde.

Nach der deutschen Besetzung der Niederlande im Mai 1940 konnten sich Claus Victor Bock in einer Wohnung in der Herengracht 401 in Amsterdam verstecken, in der auch der Heidelberger Schriftsteller Wolfgang Frommel wohnte.

Nach dem Krieg studierte Claus Victor Bock in Manchester Germanistik, während sich Manuel Goldschmidt in Amsterdam an der Herausgabe von Frommels Zeitschrift Castrum Peregrini beteiligt. Die Briefe, die Goldschmidt und Bock einander schrieben, zeigen ihre Freundschaft.

Die Lesung am Sonntag, 12. November, um 16 Uhr in der Alten Synagoge an der Goebenstraße 5 bis 7 kostet keinen Eintritt. Bereits am Samstag, 11. November, wird die Lesung ab 16 Uhr im Bildungszentrum "Mer Knete" an der Königsstraße 3 in Minden stattfinden, ebenfalls ab 16 Uhr.

Bildunterschrift: Amsterdam heute: Hier versteckte sich Claus Victor Bock nach der deutschen Besetzung.

Bildunterschrift: Das Buch wird vorgestellt.


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