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Lippische Landes-Zeitung , 14.11.2017 :

Die Holocaust-Opfer haben viele Gesichter

Vortrag: Der renommierte israelische Historiker Prof. Dr. Gideon Greif spricht in Schieder vor 200 Zuhörern / Mit Fotos aus dem Auschwitz-Album erzählt er von der Ankunft eines Menschentransportes, der Selektion und dem Weg in die Gaskammern

Von Silke Buhrmester

Schieder-Schwalenberg. Ein Bild sagt mehr als 1.000 Worte: Prof. Dr. Gideon Greif hat am Sonntagnachmittag nur eine kleine Auswahl von Fotos aus dem Auschwitz-Album mitgebracht. Mit Hilfe dieser Bilder bringt der Historiker den knapp 200 Zuhörern im Schiederaner Bürgersaal den Holocaust nah. "Die Kluft zwischen dem Unwissen der Fotografierten und unserem Wissen macht die Bilder so interessant", sagt Greif. Ein Auszug seines beklemmenden Vortrags:

"Die jüdische Rasse ist hässlich, ekelhaft krankhaft": Um diese rassistische Sichtweise zu untermauern, suchten sich die SS-Fotografen laut Greif auch alte und behinderte Menschen als Motiv aus. In Auschwitz herrschte absolutes Fotografier-Verbot, die Bilder aus dem Auschwitz-Album wurden jedoch in Auftrag gegeben - ob von Minister Josef Goebbels selbst, ist unbekannt. Ebenso, ob sie je zu Propagandazwecken genutzt wurden.

"Du kannst glänzend aussehen, bist du ein Jude, musst du sterben": Viele Frauen und Kinder auf den Fotos scheinen gut genährt zu sein. Es sind ungarische Juden, die nicht im Ghetto lebten, sondern bis zum Abtransport zu Hause, so Greif.

"813 Meter liegen zwischen Leben und Tod": Um die Transporte der ungarischen Juden - 10.000 bis 20.000 Menschen kamen zwischen Mitte Mai und Ende September 1944 täglich an - rasch abfertigen zu können, wurde die neue Rampe direkt im Lager Birkenau errichtet. Die Fotografen haben die Menschenmassen eingefangen - im Hintergrund sind die Schornsteine der beiden Krematorien 2 und 3 zu sehen.

"Eine Frau, die ein Baby trägt, wird automatisch in die Gaskammer verschickt": Die Fotos zeigen etliche Familien, bis zu vier Generationen, mit vielen kleinen Kindern. Da die Männer häufig in Arbeitskolonnen rekrutiert worden sind, kommen viele Frauen und Greise in Auschwitz an. Sie werden nirgends registriert, sondern direkt ermordet.

"Diese Ärzte schicken Menschen nicht in die Reha oder ins Krankenhaus, sondern direkt in die Gaskammer": 90 Minuten dauerte in der Regel eine Selektion von rund 3.000 Menschen - auf den Bildern ist der SS-Arzt Dr. Heinz Thilo - einer von 21 KZ-Ärzten in Auschwitz - zu erkennen. Er entschied laut Greif in ein bis zwei Sekunden über Leben und Tod. Manche habe er nach dem Alter und Beruf gefragt. Greif: "Maurer, Mechaniker oder Musiker hatten gute Chancen, Akademiker, Bürgermeister oder Krankenschwestern keine."

"Es sieht aus wie ein Picknick - die Menschen warten 240 Meter vor dem Krematorium"" Obwohl das KZ Auschwitz 1944 bereits seit fünf Jahren existiert, sind die Ankömmlinge ahnungslos. Sie warten in einem Wäldchen geduldig darauf, dass die Auskleideräume in den Gaskammern, die rund um die Uhr genutzt werden, frei werden - haben sogar noch etwas Proviant dabei. Von Panik keine Spur.

"In Auschwitz brauchte man nichts": Zahlreiche Fotos zeigen Berge von Kleidung und anderen Habseligkeiten, die die Menschen abgeben mussten. Funktionshäftlinge sortierten sie. Bevor die Russen das Lager 1945 erreichten und befreiten, wurde von der SS alles verbrannt.

Bildunterschrift: Auschwitz in Bildern: Der israelische Historiker Prof. Dr. Gideon Greif (links, im Bild mit Bürgermeister Jörg Bierwirth) hielt im Bürgersaal Schieder einen Vortrag über den Holocaust.

Lili Jacob und der Bilderfund

Lili Jacob wird im Mai 1944 als 20-Jährige mit etwa 70 Familienmitgliedern nach Auschwitz deportiert. Sie überlebt als einzige das Vernichtungslager, kommt später ins KZ Mittelbau-Dora, wo sie im April 1945 - die SS-Männer sind bereits geflüchtet - in einem Zimmer einer ehemaligen Kaserne einen Zufallsfund macht: 208 Fotos, geschossen von den SS-Fotografen Ernst Hofmann und Bernhard Walter, die einen im Mai 1944 in Auschwitz ankommenden Transport ungarischer Juden zeigen - von der Ankunft über die Selektion bis hin zum Warten vor den Gaskammern.

Lili Jacob erkennt, dass hier nicht irgendein Transport fotografiert wurde, sondern ihr eigener: Als erstes entdeckt sie auf einem Foto ihren Rabbiner Naftali Zvi Weiss (unteres Bild, links), wenig später ihre beiden jüngeren Brüder Sril und Selig (unteres Bild, rechts). Später erkennt sie auch sich selbst in der Gruppe Frauen, die als arbeitsfähig selektiert und geschoren wurden (oberes Bild, mit rotem Punkt markiert).

Lili Jacob nimmt das Album an sich, emigriert in die USA. 1980 übergibt sie es als ewiges Mahnmal der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. Der Wallstein Verlag veröffentlicht das Auschwitz-Album in Zusammenarbeit mit Yad Vashem zum 60. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau am 27. Januar 2005.

Es kostet 39 Euro, ISBN: 978-3-89244-911-9.


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