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Mindener Tageblatt ,
15.11.2017 :
Eine besondere Freundschaft
Leo van Santen las im Bildungszentrum Mer Ketne aus den Briefen von Manuel Goldschmidt und Victor Bock
Von Rolf Graff
Minden (rgr). Gastgeber Oswald Marschall durfte im Bildungszentrum Mer Ketne der Sinti und Roma abermals Wolfgang Hempel und Astrid Vehstedt, die die Lesung auch moderierte, begrüßen. Als Veranstalter trat die Potsdamer Wilhelm-Fraenger-Gesellschaft auf, zu der sie gehören. Diesmal hatten sie mit Angrid Titanus aus Utrecht von der Van-Cassel-Stiftung, und dem Verleger Dr. Leo van Santen aus Den Haag Gäste aus Holland mitgebracht.
Leo van Santen ist Herausgeber des Buchs " ... überhaupt fehlst du mir sehr. Die Freundschaft zweier junger Exilanten - Der Briefwechsel von Manuel Goldschmidt und Claus Victor Bock (1945 bis 1951)", aus dem er in einer erläuternden Lesung einige Texte vorstellte. Nachdem der jüdische, zwölfjährige Claus Victor Bock mit seinen Eltern Hamburg 1938 wegen des wachsenden Antisemitismus verlassen hatte und seine Eltern nach Indien emigrierten, besuchte er ein reformpädagogisches Internat der Quäker in Eerde in den Niederlanden. Eine Freundin seiner Mutter war hier Hausmutter. Hier lernten und lebten viele Jugendliche, die aus Deutschland fliehen mussten, darunter mehrere deutsch-jüdische Emigrantenkinder.
1939 lernte er dort Rudolf Goldschmidt kennen, der sich später Manuel nannte, einen jüdischen Vater hatte und aus Berlin kam. Zwischen den beiden Jungen entwickelte sich schnell eine tiefe Freundschaft. Als 1940 die Niederlande deutsch besetzt wurden, wurde Claus Victor Bock in dem Haus der Malerin Gisèle van Waterschoot van der Gracht in der Herengracht 401 in Amsterdam versteckt, das sie Castrum Peregrini nannten. Hier wohnte auch der Heidelberger Schriftsteller Wolfgang Frommel. Um nicht nur körperlich, sondern auch psychisch zu überleben, beschäftigten sie sich intensiv mit Literatur. Insbesondere die Gedichte von Stefan George begeisterten die Jungen. Schon die frühen Briefe zeigen literarische Qualität und enthalten Zitate und Bezüge zum Werk von George, aber auch Essenbons für Butter, Brot und Milch. Eine eigene Geheimsprache half zudem, unerwünschte Mitleser von verräterischen Details auszuschließen. Wie durch ein Wunder und mithilfe des Wegsehens eines Polizisten überstanden die in dem Haus Verborgenen die Nazi-Zeit unentdeckt und pflegten auch nach dem Krieg ihre besondere Verbundenheit. Die Briefe aus dieser Zeit zeigen schon einen veränderten Duktus, wie auch andere Inhalte. So schreibt Claus, der inzwischen in Indien lebt, von dem Leben dort.
Von dieser speziellen Geschichte einer Freundschaft und dem Überleben von Kultur, wie in einem Kokon vor dem Hintergrund der finsteren Nazi-Herrschaft, ließen die Auszüge aus dem Buch viel erkennen und erahnen. Weiteres wurde klar im Gespräch von Astrid Vehstedt mit Angrid Titanus und Leo van Santen, an dem sich auch das Publikum mit Fragen beteiligte.
Bildunterschrift: Dr. Leo van Santen las erläuternd aus dem Briefwechsel der Freunde.
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