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Norddeutscher Rundfunk ,
21.11.2017 :
Antisemitismus: Steigende Angst unter Juden
21.11.2017 - 18.58 Uhr
Von Julian Feldmann
"Wir haben den Eindruck, dass Antisemitismus hoffähiger geworden ist", sagt Wolfgang Seibert. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Pinneberg hat gerade einen hohen Zaun um das Gemeindehaus installiert - dazu eine Alarmanlage mit Kameras und Bewegungsmeldern. Die Technik soll die Gemeindemitglieder schützen.
Denn Juden in Deutschland haben Angst - vor Anschlägen, aber auch vor Anfeindungen im Alltag. In Pinneberg kamen immer weniger Besucher zum Gottesdienst, die Mitglieder der Jüdischen Gemeinde forderten schärfere Sicherheitsvorkehrungen ein. Mit dem hohen Zaun um den Gebetsraum fühlen sich die Gottesdienstbesucher nun sicherer.
Zahl antisemitischer Straftaten gestiegen
Im ersten Halbjahr 2017 stieg die Zahl antisemitischer Straftaten in Deutschland erstmals seit zwei Jahren wieder an. Nach einer Studie des Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus des Bundestages erlebten knapp ein Drittel der deutschen Juden verbale oder tätliche antisemitische Angriffe.
Jüdische Einrichtungen müssen in ganz Deutschland besonders geschützt werden - viele Synagogen bewacht die Polizei rund um die Uhr. Denn die Gefahren für Juden kommen aus unterschiedlichen Richtungen: Nicht nur Neonazis und Islamisten bedrohen sie. Der Juden-Hass findet sich auch in der gesellschaftlichen Mitte. Der Aufstieg der AfD und dass rechtes Denken wieder salonfähig geworden ist, bereitet Juden in Norddeutschland Sorge. Was vor einigen Jahren noch als unsagbar galt, wird heute laut ausgesprochen.
"Jude" als Schimpfwort auf dem Schulhof
Viele Mitglieder Jüdischer Gemeinden verheimlichten inzwischen sogar ihre Identität im Alltag. Jüdische Schüler würden an öffentlichen Schulen verbal attackiert, wenn sie offen zu ihrer Religion stehen, sagt Elvira Noa, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde im Lande Bremen. Die jüdischen Schulkinder würden etwa in Haftung genommen für die israelische Politik. "Sie werden beschimpft, ausgegrenzt und haben Angst", berichtet Noa. "Sie kommen dann heim und weinen." Einige Eltern würden ihren Kindern auch verbieten, offen über ihre Religion und Identität zu sprechen - aus Sorge vor Anfeindungen der Mitschüler. "Auf den Schulhöfen ist "Jude" ein Schimpfwort - genauso wie "Opfer"", sagt Gemeindevorsitzende Noa.
Persönliche Anfeindungen von Rechtsextremen
Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Herford-Detmold, Matitjahu Kellig, hatte sich vor einem Jahr im WDR Fernsehen zu einem politischen Skandal geäußert: Kellig kritisierte, dass die Stadtverwaltung der Kleinstadt Preußisch Oldendorf in Ostwestfalen eine Geschäftsbeziehung mit einem rechtsextremen Verleger unterhält. Er forderte die Stadt auf, ihr offizielles Amtsblatt nicht mehr von dem Verleger herausgeben zu lassen, der auch Schriften veröffentlichte, die den Nationalsozialismus verherrlichten. Für diese Kritik wurde Kellig aus der rechtsextremen Szene angefeindet. Ein bekannter Neonazi beleidigt ihn im Internet als "frechen Juden-Funktionär" und fordert, den "Einfluss jüdischer Lobbyorganisationen auf die deutsche Politik" zu beenden.
Seitdem lebt der Gemeindevorsitzende in Angst: Er hat sein Haus besonders gegen Eindringlinge abgesichert - und auch sein Alltag hat sich verändert: "Wenn ich zu Hause unser Tor aufmache und aufs Grundstück fahre, dreh ich mich drei-, viermal um, ob nicht jemand hinter dem Busch hervorspringt", sagt Kellig. "Die Angst ist seit einem Jahr ein ständiger Begleiter."
Bildunterschrift: Die Mitglieder von Wolfgang Seiberts Jüdischer Gemeinde in Pinneberg wünschen sich mehr Schutz. Der Vorsitzende der Gemeinde ließ daraufhin einen Zaun errichten sowie Kameras installieren.
Bildunterschrift: Die Stigmatisierung beginnt bereits im Kindesalter: Elvira Noa, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde im Lande Bremen, verweist auf Fälle, bei denen Eltern ihren Kindern raten, ihre Religion zu verleugnen - aus Angst.
Bildunterschrift: Matitjahu Kellig wurde angefeindet, weil er die Geschäftsbeziehungen der Stadt Preußisch Oldendorf mit einem rechtsextremen Verleger kritisierte.
Antisemitismus im Norden und die Partei "Die Rechte"
Dienstag, 21. November 2017, 21.15 - 21.45 Uhr in der Sendung "Panorama 3", NDR Fernsehen
Volksverhetzung oder Beleidigung?
Prozess gegen NRW-Vorsitzenden der Partei "Die Rechte", Sascha Krolzig
Der NRW-Vorsitzende der Partei "Die Rechte" soll den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Detmold-Herford, Matitjahu Kellig, als einen "frechen und selbstgefälligen Juden" bezeichnet haben. Die Staatsanwaltschaft hat den Parteivorsitzenden wegen Volksverhetzung und Beleidigung angeklagt. Es geht auch um die Nazi-Druckerei aus Preußisch Oldendorf. Nach dem Beitrag im TV über sie ging die Hetze gegen Kellig los.
Der Prozess am gestrigen 16.11.2017 fand nicht statt, weil sich der Pflichtverteidiger krank gemeldet hatte. Prozessverschleppung?
Kellig, Kammermusiker und Liedbegleiter, erhält Morddrohungen, kann kein geregeltes Leben mehr führen und findet kaum Schlaf! Erst im nächsten Jahr soll es weitergehen, ein Albtraum für Kellig.
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