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Lippische Landes-Zeitung , 20.11.2017 :

Als die Balten nach Blomberg kamen

Zeitgeschichte: Stadtarchivar Dieter Zoremba hält am 23. November einen Vortrag über das ehemalige "Letten-Lager" in der Nelkenstadt / Die "Displaced Persons" pflegten ein reges kulturelles Leben in der Stadt

Von Iris Liebig

Blomberg. Als Dieter Zoremba 1980 seine Tätigkeit als Stadtarchivar in Blomberg aufnahm, war das so genannte "Letten-Lager" in der Bevölkerung noch immer Thema. Am Donnerstag, 23. November, wird der Lokalhistoriker in Kooperation mit der Volkshochschule Lippe-Ost und dem Heimatverein Blomberg einen Vortrag zum Thema "Unerwünschte Gäste auf Zeit - das Blomberger Letten-Lager 1945 - 1952" halten. Beginn ist um 19.30 Uhr in der Stadtbücherei.

Rückblick: Am 2. Juli 1945 erhielt der Blomberger Bürgermeister von der britischen Militärverwaltung ein Schreiben. Darin stand, dass innerhalb von zwei Tagen 60 Häuser beschlagnahmt würden, um darin rund 1.500 Letten, Estländer und Litauer - so genannte "Displaced Persons" - unterzubringen. Die eigentlichen Bewohner wurden daraufhin anderen Häusern zugewiesen oder kamen bei Bekannten unter.

Unter "Displaced Persons" versteht man in diesem Zusammenhang nicht nur Personen, die während des Krieges als Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene nach Deutschland geholt worden waren, sondern auch all diejenigen, die vor der Roten Armee nach Westen geflohen waren.

In Blomberg wurden zunächst in erster Linie Häuser im so genannten Kirchenviertel beschlagnahmt. Die Konzentrierung auf diesen Blomberger Stadtbereich wurde im Laufe der Jahre jedoch aufgegeben, wodurch es später Unterbringungen in der ganzen Stadt gab. "Daher kann man in Blomberg auch nicht von einem Lager sprechen", erklärt Zoremba.

Noch vor Ende des Krieges hatten die Alliierten Pläne für den Umgang mit den "Displaced Persons" geschmiedet. Demnach sollten sie befreit, versorgt und in ihren Heimatländern wieder eingebürgert werden. Damit wollte man eine unkontrollierte Wanderbewegung vermeiden und sich vor Krankheiten oder Übergriffen schützen. Eigens hierfür wurde auch die "UNNRA", die "Nothilfe- und Wiederaufbauverwaltung der Vereinten Nationen", gegründet.

Während jedoch die Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen schnell wieder in ihre jeweilige Heimat zurückkehren wollten, ging es den Balten nicht so. "Sie waren vor der Roten Armee geflohen und hatten in der deutschen Wehrmacht und SS-Einheiten unter Zwang oder auch freiwillig gedient", erläutert Dieter Zoremba. Vor diesem Hintergrund hätten sich die Menschen gar nicht in ihre Heimatländer zurückschicken lassen. Dennoch hätten sie gleichzeitig auch feststellen müssen, dass die westdeutsche Nachkriegsgesellschaft nicht gewillt war, sie aufzunehmen, fügt Zoremba an. Seitens der Politik habe es daher auch immer wieder Bestrebungen gegeben, die Balten loszuwerden.

Zwischenzeitlich war auch die Internationale Flüchtlingsorganisation (IRO) gegründet worden - sie kümmerte sich um mögliche Auswanderungsmöglichkeiten für die "Displaced Persons" aus dem Baltikum - diese bereiteten sich währenddessen in Form von Sprachkursen und Berufsausbildungen darauf vor. Während ihrer Zeit in Blomberg entfalteten sie ein reges kulturelles Leben. Später wanderten viele von ihnen nach Recherchen von Dieter Zoremba in die USA oder auch Australien aus.

Keine Bürger

"Das Letten-Lager war eine eigenständige Einheit", erklärt der Blomberger Stadtarchivar Dieter Zoremba. Die "Displaced Persons" waren demnach rein rechtlich keine Bürger der Stadt Blomberg. Für sie gab es stattdessen eine eigene Einwohnermeldekartei. Sie hatten zudem andere Ausweise, die sich "DP Index Card" nannten.

Bildunterschrift: Vorführung: Dass die Menschen aus dem Baltikum kulturell interessiert waren, zeigt das Bild aus dem Jahr 1946. Baltische Pfadfinder tanzen darauf auf dem Blomberger Marktplatz.


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