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Westfalen-Blatt ,
18.11.2017 :
"Widerstand an der Grenze zur Kollaboration"
Wie OWL mit der NS-"Euthanasie" umging - Gedenken in Lemgo
Von Bernd Bexte
Lemgo (WB). Von der Obhut des Heimes in den staatlich verordneten Tod: Auch hunderte behinderte Menschen aus OWL wurden Opfer der "Euthanasie" der Nazis - trotz (versuchten) Widerstandes vor Ort. In Lemgo wird ihrer jetzt gedacht.
Zum Beispiel Karoline Uhle. 1904 in Westheim (Kreis Büren, heute Marsberg) geboren, lebt sie seit 1916 in der evangelischen Pflegeeinrichtung Eben-Ezer in Lemgo. Diagnose: "Schwachsinn". Hier ist die junge Frau vor allem in der Schälküche beschäftigt. Bis zum 8. April 1937: Dann wird sie mit 63 anderen Eben-Ezer-Patienten in die staatliche Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt nach Warstein verlegt. Später sollen die 34 Frauen und 30 Männer so genannten Zwischenanstalten überstellt werden, bis ihnen spätestens in einer der sechs Tötungsanstalten des Reiches der "Gnadentod" droht. Die Betroffenen ahnen ihr Schicksal: "Ihr wollt uns kaputt machen", sind Äußerungen von Patienten auf dem Weg in die berüchtigte Tötungsanstalt Hadamar (Hessen) überliefert. "Ungeheilt" steht in ihren Patientenakten. "Unheilbar" bedeutet das für die Nazis, was ihrem Weltbild entsprechend einem Todesurteil gleichkommt. Am 16. November 1944 stirbt Karoline Uhle in Hadamar. Offizielle Todesursache: "Lungenentzündung".
36 Menschen der Eben-Ezer-Gruppe sind laut aktuellen Forschungen nachweislich Opfer der "Euthanasie" geworden. Ihre Verlegung aus Lemgo jährt sich in diesem Jahr zum 80. Mal. Dort wird ihrer jetzt gedacht (siehe "Stele mit Namen erinnert an Opfer aus Lemgo"). Heinrich Bax, einst Förderschullehrer in Oerlinghausen, hat in vielen Archiven recherchiert. Was bislang nur eine "beunruhigende Vermutung" (Zitat aus einer Eben-Ezer-Festschrift von 1987) war, ist nun Gewissheit. "Allein 21 der 64 Patienten aus Lemgo wurden wohl in Hadamar ermordet", sagt Bax - vergast mit Kohlenmonoxid, durch Medikamenteneinsatz oder Mangelernährung getötet. Zwölf weitere sterben bereits in Warstein. "Heute morgen Exitus", heißt es lapidar in der Akte von Otto Schlüter, der nur 24 Jahre alt wird.
"Ihr wollt uns kaputt machen!"
Überlieferte Äußerungen von Patienten auf dem Weg in die Tötungsanstalt Hadamar
Prof. Dr. Hans-Walter Schmuhl, Historiker an der Uni Bielefeld, hat zum Thema NS-"Euthanasie" in OWL geforscht. Neue Ergebnisse trug er am Freitag auf der Tagung "Gegen das Vergessen" in der diakonischen Einrichtung Eben-Ezer vor. Sein Urteil: Die von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel in Bielefeld sind damals ein "Zentrum der Obstruktion", also ein Hort des Widerstandes, dem sich auch Eben-Ezer sowie der Wittekindshof in Bad Oeynhausen als weitere Einrichtungen der Inneren Mission zumindest teilweise anschließen.
Obwohl in Bethel Patienten zwangssterilisiert werden, weigert sich Friedrich von Bodelschwingh im Juni 1940 zunächst, von den Nazis zugesandte Meldebögen zur Vorbereitung des Massenmordes auszufüllen. "Er hoffte wohl auf ein nahes Kriegsende und damit auf das Ende des "Euthanasie"-Programmes", sagt Schmuhl. Das Kalkül des Bethel-Chefs: Der NS-Staat werde eine offene Konfrontation vermeiden, schließlich handele es sich bei der Mordaktion um eine Geheime Reichssache. Auch Eben-Ezer verweigert sich, am Wittekindshof füllt man pflichtgetreu 1.250 Meldebögen aus, hält sie aber zurück. Zwischen den drei Anstandsleitungen besteht ein "loser Informationsaustausch" - mit offenen Worten. So schreibt Eben-Ezer-Leiter Herbert Müller an seinen Kollegen vom Wittekindshof, Pastor Theodor Brünger, man wolle "den Kranken ein Anwalt sein".
All das führt zu einem moralischen Dilemma: "Es war ein teilnehmender Widerstand an der Grenze zur Kollaboration", meint Schmuhl. Denn schon im September 1940 folgt Bethel dem Geheiß des NS-Staates und füllt 4.000 Patienten-Meldebögen aus, überlässt einer ärztlichen Kommission aus Berlin die Begutachtung der Patienten. "Friedrich von Bodelschwingh wollte erneut Zeit gewinnen", urteilt Schmuhl. Die Kommission selektiert auch andernorts. "Was wird nun kommen?", schreibt Wittekindshof-Leiter Theodor Brünger mit großer Sorge an Bodelschwingh, nachdem die Abordnung aus Berlin Patienten in Bad Oeynhausen untersucht hat.
Ende August 1941 stoppt Adolf Hitler offiziell das "Euthanasie"-Programm. Der Widerstand in der Bevölkerung gegen die "Vernichtung unwerten Lebens" (NS-Jargon), angestachelt durch die Predigten des Münsterschen Kardinals Clemens Graf von Galen, erscheint ihm offenbar zu gefährlich. Dezentral und im Verborgenen, meist durch Nahrungsentzug, geht das Morden jedoch weiter.
Im Herbst 1941 wird der Wittekindshof zum großen Teil geräumt. "958 von 1.326 Patienten wurden abtransportiert. 358 starben in der Folgezeit mit Sicherheit", bilanziert Schmuhl. Bethel und Eben-Ezer bleiben verschont. Dem "Euthanasie"-Programm der Nazis fallen mehr als 70.000 Menschen zum Opfer.
Bildunterschrift: Blick in die Sonderschule in Eben-Ezer (1937), rechts Lehrer Herbert Müller, von 1939 bis 1969 Anstaltsleiter. Die Schule wurde als "Sammelbecken für Schwachsinnige" bezeichnet, Schüler wurden zwangssterilisiert.
Stele mit Namen erinnert an Opfer aus Lemgo
Vor der Kapelle Alt Eben-Ezer ist eine Stele mit 36 Namen von "Euthanasie"-Opfern errichtet worden, die vor ihrer späteren Verlegung in der Lemgoer Einrichtung lebten. An diesem Sonntag (10 Uhr Vorstellung der Stele, 10.30 Uhr Gottesdienst mit dem lippischen Landessuperintendenten Dietmar Arends) wird der Menschen gedacht. Historiker Frank Konersmann hat von den ehemaligen Eben-Ezer-Bewohnern Biographien erstellt. Diese sind in einem digitalen Gedenkbuch unter www.eben-ezer.de/Gedenkbuch zu lesen.
Bildunterschrift: Diese Stele aus Stahl erinnert an die Opfer aus Eben-Ezer.
18./19.11.2017
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