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Lippische Landes-Zeitung ,
18.11.2017 :
Schatten der NS-Zeit fällt auf Eben-Ezer
"Euthanasie": Auch Bewohner der damaligen Heilanstalt sind Opfer der Nationalsozialisten geworden / Eine neue Stele erinnert an 36 Menschen, die in andere Anstalten verlegt und später ermordet wurden
Von Marlen Grote
Lemgo. 36 Namen stehen auf einer neuen Stele vor der Kapelle in Alt Eben-Ezer. Die Geschichte der Menschen, an die sie erinnert, haben die Zuhörer am Freitag bei einem Fachtag erfahren: Sie wurden aus den Gebäuden der damaligen Lemgoer Heilanstalt nach Warstein verlegt - und von da führte ihr Weg in den Tod.
Insgesamt waren 106 Menschen aus Eben-Ezer verlegt worden, davon 64 im Jahr 1937 nach Warstein. Schon der ehemalige Leiter der Anstalt, Berend Groeneveld - der in diesem Jahr gestorben ist - vermutete, dass einige von ihnen der Vernichtungsmaschinerie der Nazis zum Opfer gefallen sein könnten: "So liegt der finstere Schatten jener Mordaktionen auch auf der Stiftung Eben-Ezer", zitierte ihn der Haupt- und Sonderschullehrer Heinrich Bax, der der Spur der 64 Menschen nachgegangen ist. Seine Erkenntnisse haben die Befürchtungen bestätigt: Zwölf aus Lemgo verlegte Bewohner starben in Warstein, 36 in der Tötungsanstalt Hadamar in Hessen, fünf überlebten, das Schicksal von weiteren elf Menschen ist ungewiss.
Den Zuhörern des Fachtags berichtete Bax, wie es dazu kam. Verlegt wurden Bewohner, die nicht aus dem damaligen Freistaat Lippe stammten. Die Anstaltsleitung sei dagegen gewesen, aber wohl aus wirtschaftlichen Gründen, denn die Kapazitäten der Lemgoer Anstalt waren auf 300 Plätze aufgestockt worden. Die Bewohner aus der westfälischen Nachbarschaft brachten auch Geld ein.
Gegen diese Einwände wurden dennoch 64 Menschen am 8. April 1937 nach Warstein in die dortige "Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt" abtransportiert. Einige starben schon hier. 1940 lief dann die Vernichtung von Menschen mit Behinderungen richtig an, die Nazis gründeten sechs Tötungsanstalten - eine davon: Hadamar. Dort wurden die Behinderten mit Kohlenmonoxid vergast. Bax hat die noch erhaltenen Teile der Anlage besucht: "Das war erschütternd", berichtet er.
Nazis mordeten mit Kohlenmonoxid
In Hadamar gab es keine Betten, die Menschen wurden direkt am Tag ihrer Ankunft getötet - bis 1941 eine Predigt des Bischofs von Münster dieses Vorgehen als "Mord" verurteilte und Hitler tatsächlich bewog, die Anstalt zu schließen. Für die da noch lebenden Menschen aus Eben-Ezer war das aber keine Rettung. Der Weg in den Tod führte über Zwischenanstalten, und als die Tötungen gestoppt wurden, waren diese überfüllt. Mangelernährung und Medikamente führten zu Ende, was das Regime begonnen hatte - in vielen Fällen vermutlich absichtlich. Aber die Akten, so Bax, vermerken meistens Krankheiten als Todesursache.
Auch Hadamar wurde wieder in Betrieb genommen, obwohl die Gaskammer stillgelegt war. Schlafräume wurden eingerichtet, aber es blieb ein Ort des Todes: Jetzt starben die Bewohner auch hier vorgeblich an Erkrankungen oder Mangelernährung.
Gestern stellte der Historiker Dr. Frank Konersmann die Biografien von 37 ehemaligen Bewohnern von Eben-Ezer vor. Zu den 36 Opfern hatte er noch eine Frau hinzugestellt, deren Mutter einen Briefwechsel mit der Anstaltsleitung geführt hatte. Die Schicksale werden mit Fotos und Lebensläufen greifbar - als Menschen, nicht nur als Opfer, betont Konersmann. Die Biografien werden auf der Homepage der Stiftung veröffentlicht. Professor Hans-Walter Schmuhl legte zudem die Vernetzungen der Heilanstalten Eben-Ezer, Bethel und Wittekindshof dar, und zum Abschluss ergriff Margret Hamm von der Arbeitsgemeinschaft Bund der Euthanasie-Geschädigten und Zwangssterilisierten das Wort. Die Stele wird am Sonntag ab 10 Uhr feierlich vorgestellt. Danach findet ab 10.30 Uhr ein Gottesdienst in der Kapelle Alt Eben Ezer statt. Die Forschungen sind indes noch nicht abgeschlossen.
Kommentar Seite 10
Siehe Text unten
Bildunterschrift: Gedenken der Opfer: (von links) Heinrich Bax, Margret Hamm, Dr. Frank Konersmann, Professor Hans-Walter Schmuhl, Dr. Bartolt Haase (Vorstand Eben-Ezer), Landessuperintendent Dietmar Arends, Udo Zippel (Vorstand Eben-Ezer) und Helmut Monzlinger aus Warstein an der neuen Stele.
18./19.11.2017
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