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Lippische Landes-Zeitung , 18.11.2017 :

Auch in Lemgo gab es Täter

"Euthanasie": In Eben-Ezer entstanden Gutachten, die die Zwangssterilisation zur Folge hatten

Lemgo (mag). War Eben-Ezer ein Zufluchtsort für Menschen mit Behinderungen während der NS-Zeit? Die Aufarbeitung der Vergangenheit der Stiftung hat gerade erst begonnen. Doch es zeigt sich schon jetzt: Das Gedankengut der "Rassenhygiene" hatte auch Lemgo erreicht.

Denn neben Massenmorden des Nazi-Regimes an Behinderten wurde nachweislich auch in Lemgo mit Zwangssterilisation sichergestellt, dass sich der "Schwachsinn" im "Deutschen Volk" nicht weiter ausbreitete. Davor standen Gutachten, die über den Wert der Menschen entschieden. Diese erstellte in Eben-Ezer der Anstaltsarzt Dr. Max Fiebig. "Die Gutachten haben mich erschreckt", berichtet Heinrich Bax von seinen Nachforschungen, sie seien "menschenverachtend". Mit Folgen: Für Bewohner von Eben-Ezer wurden in Detmold 78 Anträge auf Zwangssterilisation gestellt, 68 Eingriffe wurden ausgeführt. Vermutlich sogar noch mehr, denn in Detmold wurden nur die Bewohner erfasst, die aus Lippe stammten. "Anscheinend gab es von Seiten der Leitung keinen Widerstand", sagt Bax. Opfer der Sterilisationen waren Jugendliche aus benachteiligten Familien, die schlechte schulische Leistungen vorwiesen und verhaltensauffällig waren. Einen Beitrag zur Bewertung der "Brauchbarkeit" der Menschen, der über Sterilisation und später zumindest im Fall der verlegten Bewohner auch über Leben und Tod entschied, leistete auch Herbert Müller, Hilfsschullehrer und später Anstaltsleiter von Eben-Ezer. Er stufte die Intelligenz der Menschen mit IQ-Tests ein. Das Maß seiner Schuld soll nun ebenfalls erforscht werden, stellt Udo Zippel, Vorstand von Eben-Ezer, in Aussicht.

Dr. Fiebig ging schließlich aus Sicht der damaligen Anstaltsleitung doch zu weit. Als er die Zwangssterilisation einer jungen Schwangeren anordnete, wurde er aus Eben-Ezer entlassen. Dennoch bleibt die NS-Zeit für die Stiftung ein dunkles Kapitel - es gab viele unklare Todesfälle wegen "Mangelernährung". Ob sie allein der schlechten Versorgungslage im Krieg geschuldet waren oder hier auch Morde geschahen, muss ebenfalls noch erforscht werden.

18./19.11.2017

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