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Westfalen-Blatt / Bielefelder Zeitung , 13.12.2017 :

Großer Baustein zur Verständigung

Ganz ohne Bitterkeit: Die Lebenserinnerungen von Zwangsarbeiterin Irena Wielgat

Von Michael Diekmann

Bielefeld (WB). "Sie war eine absolut ungewöhnliche Persönlichkeit, immer ohne Bitterkeit", sagt Godehard Franzen über Irena Wielgat. Und Alt-OB Eberhard David spricht von einem großen Baustein zur Verständigung, hat Wielgat 2008 im Rathaus begrüßt. "Als Kind versklavt" heißt das außergewöhnliche Buch mit Wielgats Lebenserinnerungen als Zwangsarbeiterin in Bielefeld.

Das Ergebnis ist ein polnisch-deutsches Buch, ein greifbares Dokument der Begegnung und Zusammenarbeit beider Völker, freuen sich Wolfgang Herzog und Merret Wohlrab für den DGB-Arbeitskreis "Zwangsarbeit in Bielefeld" und für die Regionale Arbeitsgruppe Bielefeld von "Gegen Vergessen - Für Demokratie". Sie haben ebenso viel Engagement in das Buch gesteckt wie die literarisch-künstlerische Vereinigung Fraza der Universität in der Partnerstadt Rzeszow, die das Buch zu ihrer Sache gemacht hat, die Vielzahl an Institutionen, Einrichtungen, Gewerkschaften, Kirchen und Privatpersonen.

Alle zusammen, freut sich Wolfgang Herzog, haben auch erst die finanzielle Basis dafür geschaffen, ein reich illustriertes, komplett zweisprachiges Buch zu präsentieren, das jetzt möglichst viele Schulen für ihre geschichtliche Aufarbeitung des Themas Zwangsarbeit nutzen können. Während ihres Besuchs in Bielefeld 2008 hatte Irena Wielgat selbst im Ratsgymnasium und Gymnasium Heepen ihre Zeit als Zwangsarbeiterin geschildert. Godehard Franzen spricht von bewegenden Momenten.

Irena Wielgat war 1941 als 15-Jährige in Lodz im von NS-Deutschland besetzten Polen festgenommen und nach Bielefeld deportiert worden, zur Zwangsarbeit in der Spinnerei Vorwärts in Brackwede. Erst fünf Jahre später, im Februar 1946, kann Wielgat in ihre Heimat zurückkehren. Was sie in der Zeit der Fabrikarbeit erlebt hat, existenzielle Erfahrungen, schwere Krankheiten auf Grund von Hunger und psychischer wie physischer Erschöpfung, hatte Irena Wielgat in einem Tagebuch aufgezeichnet. Ein für die damaligen Lebensumstände als Zwangsarbeiterin vorstellbares Risiko, erzählt Herzog. Zumal die Aufzeichnungen auf der Rückreise verloren gehen.

"Nach wenigen Minuten auf dem Bahnsteig war das Eis gebrochen."
Godehard Franzen

Erst 60 Jahre nach ihrer Befreiung macht sich Irena Wielgat erneut auf, schreibt die Erinnerungen für Kinder und Enkel nieder, als Mahnung vor den Schrecken des Krieges und um sich von der Vergangenheit zu befreien. Sie hat wohl diesen Abstand gebraucht, weiß Merret Wohlrab, die Wielgat mehrfach getroffen hat. In nur drei Monaten schreibt Wielgat mit 79 Jahren alles nieder, erleidet einen Herzinfarkt, rappelt sich wieder auf. Godehard Franzen spricht von einer unglaublichen Energieleistung und dem grenzenlosen Willen, sich nach so langer Zeit an so viele Details zu erinnern.

Wielgat erzählt von Fluchtversuch, Rückkehr und Bestrafung, von Ängsten und Überlebensstrategien, aber auch von mehrfachen überraschenden Hilfeleistungen Deutscher, einem Gendarmen, einem Arzt, deutschen Arbeiterinnen. Bei Godehard Franzen und seiner Frau Christel hatte Wielgat 2008 bei ihrem Besuch in Bielefeld mit Sohn Bogdan und Schwiegertochter Joanna gewohnt. Als er sie am Bahnhof abholte, gesteht Franzen, habe er schon Angst gehabt: "Aber nach wenigen Minuten auf dem Bahnsteig war das Eis gebrochen." So geht es auch Eberhard David, der Wielgat 2008 im Rathaus empfangen hatte und jetzt das Vorwort zum Buch schieb. Die Initiative des Rates 2004 zur Aufarbeitung der Geschichte, sagen Franzen und David, sei eine Sternstunde für Bielefeld.

Das Buch jetzt ist ein einzigartiges Geschenk für die Stadt und ihre Menschen. Es ist Dokument für die bis heute enge andauernde Verbindung von Wiegats Familie zu vielen Bielefeldern, zu den Besuchen hier. Irena Wielgat selbst hat die Vorstellung ihres Buches nicht mehr erlebt. Sie starb am 19. Dezember 2016 mit 91 Jahren. Wie viel Beachtung man dem Druckwerk auch Polen schenkt, zeigt der persönliche Brief, den Bogdan Wielgat den Bielefeldern geschrieben hat zur Veröffentlichung im Verlag für Regionalgeschichte, ISBN 978-3-7395-1005-7.

Bildunterschrift: Haben viel Engagement in das komplett zweisprachige Buch gesteckt: Wolfgang Herzog und Merret Wohlrab.

Bildunterschrift: Gruß an die Eltern: Wohl um den Mai 1943 entstand das Foto der Zwangsarbeiterin.

Bildunterschrift: Wichtige Zeitzeugin: Irena Wielgat berichtete mehrfach in Bielefelder Gymnasien.

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Mindener Tageblatt, 05./06.07.2008:

Eine Reise als Zeichen der Versöhnung

Ehemalige polnische Zwangsarbeiterin kehrt nach Frille zurück / Erinnerung an das gemeinsame Leid des Krieges

Petershagen-Frille (mt/uv). Nach 63 Jahren kehrte Irena Wielgat an den Ort zurück, an dem Sie niemals sein wollte. Als Zwangsarbeiterin war die damals 15-jährige Polin nach Bielefeld verschleppt worden und wurde nach Kriegsende nach Frille gebracht. Jetzt kehrte Sie zurück, um ein Zeichen der Versöhnung zu setzen.

Von Adelheid Duwenkamp

Jahrzehnte hat es gedauert, bis die heute 82-Jährige sich an das Erlebte erinnern und es aufzuschreiben vermochte. Zu Papier gebracht hatte sie mehr als Daten und Fakten.

Völlig überraschend war sie im Frühjahr 1941 in Polen auf der Straße verhaftet worden, nur Stunden später fand sie sich zusammen mit dreißig anderen Frauen in einem Zug, der nach Westen rollte - in die Zwangsarbeit nach Deutschland. In Bielefeld arbeitete sie in einer Spinnerei, musste Luftschutzgräben ausheben und schlief in einer Baracke - alles unter den Augen von Aufpasserinnen.

Nach einer erneuten Fahrt ins Ungewisse gelangte sie im Mai 1945 über Lahde nach Frille. Frille gehörte zu den "Polendörfern", in denen nach Kriegsende die Zwangsarbeiter einquatiert wurden. In Frille wurde ihr eine Wohnung in der Nähe der polnischen Gemeinschaftsküche zugeteilt. Hier lebte sie bis März 1946. In dieser Zeit blieb vieles ungewiss, nur die Angst war weniger geworden.

Seitdem sind 63 Jahre vergangen. Zeit, die Irena Wielgat genutzt hat, um die Bilder in ihrem Kopf in Worte zu formen und aufzuschreiben. "Von klein auf Sklavin" hat sie ihre Aufzeichnung genannt.

Eine Woche lang war die 82-Jährige aus Lodz Gast der Bielefelder Gruppe "Zwangsarbeit in Bielefeld", die in Zusammenarbeit mit der Ortsheimatpflegerin Adelheid Duwenkamp den Besuch in Frille organisiert hatte. Begleitet wurde sie von Sohn und Schwiegertochter.

Sichtlich von den Erinnerungen an die Vergangenheit aufgewühlt wandte sich Irena Wielgat bei einem gemeinsamen Mittagessen an die Friller Zuhörer: "Mit großer Bewegtheit bin ich heute nach Frille gekommen, einen Ort, in den ich zum ersten Mal vor 63 Jahren kam." Sie sei gekommen, um noch einmal den Ort zu besuchen, in dem sie nach vier Jahren Zwangsarbeit aufatmen konnte. Sie und einige andere Frauen hätten die Freiheit genossen, in einem Garten zu arbeiten und das Haus, das ihnen zugeteilt worden war, zu pflegen - ohne Angst vor Repressalien.

Kurz nach der Kapitulation Deutschlands am 15. Mai 1945 mussten die meisten Friller ihre Häuser zwangsweise verlassen und anderweitig Unterschlupf suchen. Eine Zeit, die unter denen, die damals dabei waren, auch heute noch schreckliche Erinnerungen wachruft. Ist doch "die Polenzeit" eine Episode in der Ortgeschichte, die viele lieber ungeschehen machen möchten.

Irena Wielgat wollte durch ihren Besuch ein Zeichen für Versöhnung setzen. Auch nach mehr als sechs Jahrzehnten kann sich der Gast aus Polen in die Gefühlswelt der Feinde von einst hineinversetzen: "Ganz sicher war die Evakuierung für sie eine Tragödie. Ich verstehe gut, was es heißt das Elternhaus zu verlieren. Aber leider waren die Opfer des Krieges auf beiden Seiten vor allem Zivilisten. In Gedenken an diese Erfahrung müssen wir alles tun, um einen Krieg nicht wieder zuzulassen, der so viele menschliche Tragödien mit sich bringt. Ich wünsche allen Einwohnern von Frille, dass sie in Frieden leben, arbeiten und ihren schönen Ort weiterentwickeln."

In Gesprächen stellten sich zusammen mit ihr einige Friller Zeitzeugen der gemeinsamen Geschichte von 1945 bis 1949. Sich an die Ereignisse von damals zu erinnern, das Leid des anderen zu erfahren und zu verstehen, war nicht leicht.

Schritt für Schritt fanden beide Seiten einen Weg, über das Geschehene zu sprechen, versuchten zu erklären und zu verstehen. Die Orte von einst musste Irena Wielgat nicht mehr allein aufsuchen. Sie ging Arm in Arm mit einer Frillerin.

Bildunterschrift: Irena Wielgat (2.v.l.) war als ehemalige polnische Zwangsarbeiterin nach Kriegsende in Frille einquartiert. Gemeinsam mit Dr. Monika Oubaid (links) von der Gruppe "Zwangsarbeiter in Bielefeld" und ihrer Schwiegertochter Irena Wielgat (2. v. r.) besuchte sie Frille. Mit dabei war auch Bürgermeisterin Marianne Schmitz-Neuland.

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Neue Westfälische - Bielefelder Tageblatt, 04.03.2008:

Zeugen des Zweiten Weltkriegs

Ehemalige polnische Zwangsarbeiterinnen besuchen Bielefeld

Von Anne-Lena Jaschinski

Bielefeld. Nächste Woche besuchen zwei außergewöhnliche Damen aus Polen die Stadt. Sie haben erlebt, was viele nur aus den Geschichtsbüchern kennen: Im Laufe des Zweiten Weltkriegs wurden sie nach Deutschland verschleppt und mussten in Bielefeld zwangsarbeiten. Der Verein "Gegen Vergessen - Für Demokratie" stellte im Rahmen der Ausstellung "Größte Härte. Verbrechen der Wehrmacht in Polen", die momentan in der Ravensberger Spinnerei zu sehen ist, den Kontakt zu den beiden Frauen her und arbeitete ein Besuchsprogramm aus.

Irena Wielgat wurde 1941 als 15-Jährige nach Bielefeld verschleppt. Sie arbeitete in der Spinnerei "Vorwärts", einem Gebäude, das heute dem Oetker-Konzern gehört. Nach fünf Jahren verließ sie Deutschland. Seitdem lebt sie wieder in Polen.

Das Leben als Zwangsarbeiterin beschreibt Wielgat in einem 2005 verfassten Manuskript namens "Von klein auf Sklavin", das sie ihren Kindern und Enkelkindern gewidmet hat. Sie erzählt von den schrecklichen Umständen, unter denen sie und andere polnische junge Frauen arbeiten mussten. Der Verein "Gegen Vergessen - Für Demokratie" will dieses Manuskript veröffentlichen.

Feliksa Sokolowska wurde 1942 mit 16 Jahren zur Zwangsarbeit in Bielefeld eingezogen. Sie arbeitete in der Ravensberger Spinnerei. Ihr Lager befand sich im sogenannten Mädchenheim; heute werden die Räume vom Internationalen Begegnungszentrum (IBZ) genutzt.

Gestern stellte das Organisationskomitee um Wolfgang Herzog das Programm für die Besuchswoche vom 9. bis zum 17. März vor. Höhepunkte sollen die Besuche der ehemaligen Arbeitsstätten sein, bei denen die polnischen Seniorinnen ihre Vergangenheit aufarbeiten können. "Für Frau Wielgat und Frau Sokolowska ist es sehr bedeutsam, noch einmal nach Bielefeld zurückzukehren und die Stadt nach ihrem Wiederaufbau zu sehen", sagt Merret Wohlrab, die den Besuch ebenfalls organisiert. "Wenn sie Bielefeld nun in Frieden besuchen, können sie diesen Teil ihrer Biografie mit Würde abschließen." Doch die Zeitzeuginnen des Zweiten Weltkriegs möchten ihre Erfahrungen auch an junge Menschen weitergeben. Deshalb stehen die Besuche zweier Gymnasien auf dem Programm. Damit die deutsch-polnische Kommunikation klappt, sollen stets mehrere ehrenamtliche Dolmetscher dabei sein.

Bildunterschrift: Lächeln nur fürs Foto: Polnische Zwangsarbeiterinnen im Mai 1941 auf einer Wiese neben der „Vorwärts“-Spinnerei. Irena Wielgat (links oben) war zu diesem Zeitpunkt 15 Jahre alt.

Bildunterschrift: Organisieren die Woche: Markus Bingel, Ilona Spallek, Merret Wohlrab, Wolfgang Herzog, Robert Katzmarczyk (v. l.).

Bildunterschrift: Heute und damals: Irena Wielgat an ihrem 75. Geburtstag in Polen und als junges Mädchen in Bielefeld.


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