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Lippische Landes-Zeitung ,
11.11.2017 :
"Ihr seid verantwortlich für die Zukunft"
Vortrag: Jan Christian Pinsch berichtet von seinen Gesprächen mit Überlebenden des Holocaust / Er macht den Zuhörern eindrücklich das Unfassbare bewusst
Bad Salzuflen (gw). Mit einem Vortrag zum Thema "Zwischen Schuld und Verantwortung" hat die Stadt Bad Salzuflen die Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht beendet, die sie gemeinsam mit der Jüdischen Kultusgemeinde Herford-Detmold organisiert hatte. Nach der Kranzniederlegung am Mahnmal "Alte Synagoge", an der zahlreiche Besucher teilnahmen, war auch das Gemeindehaus der Liebfrauengemeinde gut besucht, als LZ-Mitarbeiter Jan Christian Pinsch referierte.
Der Medienwissenschaftler und Theologe berichtete in seinem Vortrag von seinen Erfahrungen und Eindrücken, die er im Rahmen eines Journalistenwettbewerbs im Vernichtungslager Auschwitz erhalten hatte. Bedrückt erzählte Pinsch den bewegten Zuhörern von seinen Gesprächen mit Überlebenden des "größten Verbrechens der Menschheit". Der 29-Jährige betonte, dass es nicht um die Schuld der damaligen oder gar heutigen Generationen gehe, sondern um eine Verantwortung "für uns alle heute, dass sich Geschichte nicht wiederholt".
In diesem Zusammenhang wies Jan Christian Pinsch auf den neuen Fremdenhass hin, der in seinen Augen mit dem Aufstieg der AfD einhergehe und verdeutlichte dies an der "Denkmal der Schande"-Debatte um Björn Höcke. "Stigmatisierung und Generalverdacht einer Religion durch Rechtspopulisten sind kein Phänomen früherer Zeiten", erläuterte der Theologe.
Seinen Vortrag bebilderte Pinsch mit zahlreichen verstörenden Aufnahmen: Kofferberge der deportierten Juden, Kinder auf dem Weg zu den Gaskammern, Opfer der Zwillingsforscher des KZ-Arztes Josef Mengele. "Stumme Zeugen" nannte Pinsch die Aufnahmen von Schuhen, Spielzeugen und Wertgegenständen der Lagerinsassen.
Der Theologe hatte aber auch Gespräche mit Zeitzeugen gesucht, die seiner Ansicht nach besonders wichtig waren, denn er gehöre zur letzten Generation, die diese Gespräche führen könne. So erfuhren die Zuhörer auch von Jacez Zieliniewicz, einem derjenigen, die den Horror von Auschwitz überlebt hatten. Er hatte Pinsch und weitere Journalisten durch das Lager begleitet.
Zieliniewicz, der jeden Tag Kindern dabei zusehen musste, wie sie zur Gaskammer geführt wurden, habe seinen Hass gegenüber den Deutschen überwunden. "Ihr tragt zwar keine Schuld an der Vergangenheit, seid aber verantwortlich für die Zukunft", gab der Überlebende den deutschen Journalisten mit auf den Weg. Eine Aufforderung, der Pinsch an diesem Abend nachkam, indem er eindrücklich das Unfassbare bewusst machte. Die Zuhörer dankten Pinsch für seine Ausführungen mit lang anhaltendem Applaus.
Bildunterschrift: Engagierter Referent: Jan Christian Pinsch.
11./12.11.2017
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