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Mindener Tageblatt Online ,
11.12.2017 :
Besuch aus Israel
Wenn in Hausberge Stolpersteine verlegt werden, sollen möglichst auch Hinterbliebene von Opfern dabei sein / Im Fall der jüdischen Familie Pinkus ist dies gelungen
Von Stefan Lyrath
Porta Westfalica-Hausberge (Ly). Die Verlegung der nächsten Stolpersteine in der Stadt Porta Westfalica geschieht in einem besonderen Rahmen. Aus Israel reist dazu Hanna Gad an.
Sie ist die Tochter der 1999 verstorbenen Jüdin Inge Pinkus aus Hausberge, die den Holocaust überlebt hatte, weil sie bereits 1939 über Prag nach Palästina ausgewandert war, vermutlich mit einem Onkel. Hanna Gad kommt mit ihrem Sohn Amir und Enkeltochter Amit. Die Familie lebt in Rishon, einer Großstadt im Raum Tel Aviv.
Nach der öffentlichen Verlegung von fünf Stolpersteinen am Donnerstag, 21. Dezember, um 9 Uhr vor dem Haus Hauptstraße 12 in Hausberge wird Hanna Gad sich ins Goldene Buch der Stadt eintragen. "Sie ist schon sehr aufgeregt", berichtet Karl-Wilfried Pultke von der Arbeitsgemeinschaft "Jüdisches Leben an der Porta Westfalica", der das Treffen organisiert hat.
Erinnerung wird wachgehalten
Seine Mutter, die bis zu ihrer Hochzeit Gerda Wömpner hieß, war eine der besten Freundinnen von Inge Pinkus. Als junge Frauen gingen beide zur Mädchen-Realschule in Minden, bevor Inge 1937 an die so genannte "Judenschule" wechseln musste.
"Auch in der bösen schlimmen Zeit ( … ) hielt Gerda die Freundschaft mit Inge aufrecht, trotz der Gefahr, die ihr drohte von den Nazis, mit einer Jüdin zu verkehren", heißt es in einem 1987 verfassten Brief aus Israel, in dem Inge und ihre Familie sich bedanken. Anlass des Schreibens war der Tod von Pultkes Mutter.
Im Sommer 1986 hatte Inge, die nach der Heirat Cohn hieß, ihre Freundin Gerda in Hausberge wiedergesehen. "Sie lagen sich in den Armen, es war richtig rührend", erinnert sich Pultke.
Inge, geboren im Mai 1923, hat den Holocaust als einziges Mitglied der Hausberger Familie Pinkus überlebt. Ihre Eltern Gustav und Helene Pinkus sowie die jüngeren Schwestern Marga und Helga wurden 1942 ins Warschauer Ghetto deportiert. Ob sie dort starben oder später im Vernichtungslager Treblinka ermordet worden sind, ist unklar. Als Todesjahr gilt 1942.
Fünf Stolpersteine, die erneut der Künstler Günter Demnig verlegen wird, halten die Erinnerung an Familie Pinkus wach. Dafür sorgt der Verein KZ-Gedenk- und Dokumentationsstätte Porta Westfalica, dessen Vorsitzender Bürgermeister Bernd Hedtmann ist. Hedtmann wird an jenem 21. Dezember an der Hauptstraße 12 eine Rede halten. Dort befand sich das Wohn- und Geschäftshaus der Familie Pinkus, die ein Textilgeschäft hatte.
Im Vorfeld der Verlegung hatte Karl-Wilfried Pultke Kontakt mit der israelischen Botschaft in Berlin aufgenommen, um herauszufinden, wo die Familie heute lebt. Vor wenigen Tagen bekam er eine Telefonnummer. Für Pultke, zugleich Leiter der Gesamtschul-AG "Jüdischer Friedhof Hausberge", verbinden sich Recherchen über die Schicksale von Hausberger Juden mit einem Teil der Lebensgeschichte seiner Mutter.
Nun wird er die Besucher aus Israel am 20. Dezember abends am Flughafen Hannover abholen. Während ihres Aufenthaltes sind die Gäste in einem Hotel untergebracht.
Die Stadt plant unter anderem eine Führung durch Hausberge und einen Besuch am Kaiser-Wilhelm-Denkmal. Noch vor Weihnachten fliegen Hanna, Amir und Amit Gad dann zurück nach Israel.
Bildunterschrift: Karl-Wilfried Pultke vor dem Haus an der Hauptstraße 12, wo am 21. Dezember fünf Stolpersteine zur Erinnerung an Familie Pinkus verlegt werden.
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