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Mindener Tageblatt ,
10.11.2017 :
Erinnerung nicht als Ritual
NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer besuchte die Erinnerungsstätte an der Goebenstraße und unterzeichnete die Bildungsvereinbarung zwischen AG Alte Synagoge und Gymnasium
Von Oliver Plöger
Petershagen (mt). Beim Besuch von Ministerin Yvonne Gebauer in der Alten Synagoge an der Goebenstraße waren sich alle einig: Erinnerung darf kein Ritual sein, außerschulische Lernorte sind immens wichtig. "Und der außerschulische Lernort hier in Petershagen ist etwas ganz Besonderes", wie Wolfgang Battermann von der Arbeitsgemeinschaft Alte Synagoge Petershagen sagte. Synagoge, jüdische Schule, Mikwe - alles befinde sich zentral an einem Ort. Die Bildungsvereinbarung zwischen AG und dem städtischem Gymnasium, die gestern auch von der Schulministerin unterzeichnet wurde, soll das Erleben dieses in Norddeutschland wohl einmaligen Ensembles für die Schüler intensivieren - etwa durch Führungen, die Beratung bei Facharbeiten, durch Geschichtswettbewerbe oder Diskussionsveranstaltungen.
Bei einer offenen Diskussion zum Thema "Demokratische Pflicht oder verblassender Makel? - Wozu brauchen wir heute das lokale Erinnern?" nahmen gestern unter anderem Schüler des Gymnasiums mit Schulleiterin Karin Fischer-Hildebrand teil, ebenso Bürgermeister Dieter Blume, Giora Zwilling als Vorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde Minden und Umgebung, aber auch Fachleiter und Lehramtsanwärter des Zentrums für die schulpraktische Lehrerausbildung. Moderator war Andreas Weinhold vom Zentrum für Medien und Bildung vom Landschaftsverband Rheinland (LVR). Er hatte durch seinen Vorschlag dafür gesorgt, dass der Besuch von Yvonne Gebauer in Petershagen stattfinden konnte.
Aus Büchern allein ist Geschichte schwer erfahrbar
Karin Fischer-Hildebrand betonte die große Offenheit, mit der dem außerschulischen Lernort bereits jetzt begegnet werde. "Um kritikfähig zu sein, benötigen Schüler aber auch den Kontakt zu konkreten Orten."
Und genau so hatte es Anneke Meyer aus der Stufe zwölf erfahren, die sich in einer Facharbeit mit der jüdischen Familie Oppermann auseinandergesetzt hatte, mit Menschen, die hier gelebt haben, die hier verfolgt wurden. "In der Schule haben wir Bücher, die schlagen wir auf und lesen den Text. Vieles kann man sich so nicht vorstellen. Hier schaut man dann, was an jenem Ort passiert ist, an dem ich heute lebe", sagte Anneke Meyer. Und wichtig sei es, solche Orte zu besuchen. "Das hat meine persönliche Sicht auf die Zeit damals verändert."
Die lokale Erinnerung sei wichtig, meinten die Schüler. Noch könnten wir uns mit Zeitzeugen unterhalten, doch auch die würde es irgendwann nicht mehr geben. Die Erinnerung aber sterbe nur, wenn man sie auch sterben lasse. Und Karin Fischer-Hildebrand: "Alle Schüler sollten die Geschichte kennen." Sie selbst wolle nicht irgendwann von Leuten regiert werden, denen das Wissen um die Vergangenheit fehle.
Wie wichtig diese Erinnerungskultur ist, betonte auch Yvonne Gebauer. Hasserfüllt sei es am 9. November 1938 gewesen, völlig anders dann am 9. November 1989, als die Menschen in einer friedlichen Demonstration ihre Freiheit zurückerobert haben. "Ich hätte das nicht für möglich gehalten", sagte sie und blickte in die Gegenwart: "Wir haben Kräfte, die wollen die Demokratie in eine andere Richtung bewegen." Schon deshalb seien die außerschulischen Lernorte wichtig. "Und ich werde mich, wie es schon meine Vorgängerin Sylvia Löhrmann getan hat, dafür einsetzen."
Besonders still war es, als Harald Scheurenberg, lange Vorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde, über seinen Vater sprach. "Er ist hier in diese Synagoge gegangen." Und wenn es diese Stätte heute nicht mehr geben würde, dann gäbe es auch die Geschichte der Juden in Petershagen nicht mehr. Für die Juden sei es wichtig, dass sie auch die Fünfzigerjahre bis in die Siebzigerjahre überwunden haben. Heute werde mit den Jugendlichen geredet. Wichtig war es Scheurenberg, dass die Juden nicht nur als Opfer gesehen werden, vor allem als Menschen, die ganz normal in Petershagen gelebt haben.
Dass die Alte Synagoge, die bei den Pogromen nicht zerstört, aber geschändet wurde, längst ein wichtiger Teil der Erinnerungskultur in Petershagen ist, sagte Dieter Blume. Anfangs gab es jedoch Widerstände, wie Marianne Schmitz-Neuland erinnerte. Teilweise grenzwertig seien die Diskussionen gewesen. Dann habe sich 1998 doch eine Mehrheit im Rat für den Erhalt des Gebäudes gefunden.
Bildunterschrift: Blick auf die Gegenstände aus jüdischen Haushalten in Petershagen: Ministerin Yvonne Gebauer besucht die Ausstellung in der Alten Synagoge.
Bildunterschrift: Zusammenarbeit intensivieren: Marianne Schmitz-Neuland unterzeichnet die Bildungspartnerschaft.
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