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Westdeutsche Allgemeine Zeitung Online ,
10.12.2017 :
AfD-Parteitag: Zwei neue Chefs und viele alte Rechnungen
10.12.2017 - 10.46 Uhr
Tobias Blasius
Kalkar. Die AfD wählt beim Landesparteitag in Kalkar die Doppelspitze Röckemann / Seifen, lässt aber weiter keinen klaren Kurs erkennen.
Nach zweieinhalb Stunden Antragsberatung mit immer neuen Wortmeldungen, allerlei Unterstellungen und abwegigen Vorschlägen ruft der Versammlungsleiter ins Mikrofon: "Herzlichen Glückwunsch, wir haben eine Tagesordnung." Es folgen vier weitere Stunden Rechenschaftsbericht und Anträge zur Satzungsänderung.
Der Landesverband der Alternative für Deutschland (AfD) hat sich im ehemaligen Kernkraftwerk Kalkar am Niederrhein zum Parteitag eingefunden. Eigentlich wollte man bereits im Oktober in Wiehl tagen, doch angeblich aus Furcht vor 2.000 Gegendemonstranten wurde die Veranstaltung verschoben. In Kalkar bewachen zwei Streifenwagen den menschenleeren Schneematsch vor der Halle.
Renner gibt verbittert auf
"Die größte Gefahr für die AfD ist ihr Erfolg", sagt Martin Renner drinnen vor den mehr als 400 Delegierten. Die Partei ziehe "politische Abenteurer, Egomanen und Füßetreter" an. Trotz der Wahlerfolge in Bund und Ländern stehe es nicht zum Besten. "Anfeindungen nehmen mehr zu, obwohl wir doch auf dem Weg zum richtigen Ziel sind", hadert der 64-Jährige. Der Bundestagsabgeordnete galt mal als starker Mann der AfD in NRW, als nationalkonservativer Gegenspieler und Co-Vorsitzender des Frauke Petry-Ehemanns Marcus Pretzell.
Pretzell und Schatzmeister Frank Neppe verließen die Partei, nachdem sie einen Wahlkampf-Etat von 1,3 Millionen Euro durchgebracht und für die nächsten fünf Jahre einen Landtagssitz sicher haben. Nun zieht Renner allen Unmut auf sich und gibt am Ende verbittert auf. Zur neuen Doppelspitze der AfD werden mit schwachen 53 bzw. 57 Prozent die Landtagsabgeordneten Thomas Röckemann und Helmut Seifen gewählt.
Wohin die AfD inhaltlich steuert, bleibt unklar
Röckemann ist ein 52-jähriger Rechtsanwalt aus Minden mit Polizei-Ausbildung, der dem nationalkonservativen Flügel zugerechnet wird. Er scheiterte vor der Landtagswahl nur knapp beim Versuch, den viel bekannteren Pretzell von Listenplatz eins zu verdrängen. Seifen (64) leitete ein Gymnasium in Gronau und galt mal als moderater Pretzell-Vertrauter, schlug jedoch zuletzt im Landtag härtere Töne an, wenn er "das grassierende Bildungsunwesen" kritisierte.
Wohin die AfD inhaltlich steuert, bleibt unklar. Der Vorstand wird nicht entlastet, weil es Ungereimtheiten um die Parteifinanzen gibt. Die Mitgliederentwicklung in NRW stagniert bei 4.300. Aufnahmeanträge von ehemaligen NPD-Mitgliedern werden abgelehnt, frühere Republikaner schaue man sich dagegen genau an. Der Kreisverband aus Höxter beklagt, dass ein Interessent abgewiesen worden sei, weil er ein Autogramm von AfD-Rechtsausleger Björn Höcke bei Facebook gepostet habe. So geht das hin und her. Dabei soll es doch Anspruch der AfD sein, wie es Renner in Kalkar formuliert, "das bequemlichkeitsverblödete Volk politisch zu ertüchtigen".
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