|
Neue Westfälische - Tageblatt für Schloß Holte-Stukenbrock ,
04.11.2017 :
Zeilen von unermesslichem Wert
Erinnerungen: Dank der guten Kontakte von Günter Potthoff ist der Brief eines Überlebenden des Stalag 326 übersetzt worden / Er wird demnächst im Archiv der Gedenkstätte zu finden sein
Von Karin Prignitz
Schloß Holte-Stukenbrock. "Kochgeschirr hatten nur wenige Soldaten. Ich hatte keins. Ich schöpfte ein bisschen Brei mit meiner Feldmütze, aber als ich aus der Menschenmasse herausgefunden hatte, war sie leer. Das einzige, was mir übrig blieb, war, die Mütze abzuschlecken." Unvorstellbare Szenen wie diese sind es, die Renate Laustroer "besonders geschockt haben". Aufgeschrieben worden sind sie von Dimitrij Orlow.
Orlow, der am 21. Oktober 2010 im Alter von 102 Jahren in Moskau starb, war einer der letzten Überlebenden des Stalag 326 -IV / K in Stukenbrock-Senne, dort, wo bis zu 65.000 Kriegsgefangene ums Leben gekommen sind. Lange verband ihn eine herzliche Freundschaft mit Günter Potthoff und seiner Frau Christine.
Dreimal hatte Dimitrij Orlow, der Jahrzehnte nach dem erlittenen Martyrium an den Ort des Leides zurückgekehrt war, bei Potthoffs übernachtet. Günter Potthoff bat ihn, seine Geschichte aufzuschreiben. Dieser Bitte ist Dimitrij Orlow nachgekommen.
Zwölf Seiten in akkurater kyrillischer Handschrift
Einer seiner Briefe, den er einfach mit "Erinnerungen" überschrieben hat, ist nun übersetzt worden. Dank der guten Kontakte von Günter Potthoff hat er ihn an Renate Laustroer weitergeleitet. Die 64-Jährige ist gebürtige Schloß Holte-Stukenbrockerin.
Zwar lebt die Lehrerin für Deutsch und Russisch seit 1988 in München und unterrichtet dort derzeit an einer Berufsschule. "Der Kontakt in die Heimat besteht aber nach wie vor", betont Renate Laustroer. Ihr Großvater war der bekannte Fotograf Josef Hörster.
"Sehr akkurat in wunderschöner deutlicher kyrillischer Handschrift" sei der zwölfseitige Brief verfasst worden, erzählt Renate Laustroer.
Elena Kholopitsa (26), eine ihrer begabtesten Schülerinnen und mittlerweile Fremdsprachenkorrespondentin, übersetzte die ausführliche Schilderung, Renate Laustroer redigierte den Text. Schon die ersten Passagen seien schockierend gewesen, erzählt Laustroer.
Dimitrij Orlow berichtet dort unter anderem von der Ankunft im Stammlager 326. "Niemand hat sich dort um die Gefangenen gekümmert, sie wurden vollkommen sich selbst überlassen", so fasst Renate Laustroer die Schilderung zusammen. "Es gab weder Essen noch Schlafplätze, die Menschen wurden wie unerwünschtes Vieh behandelt."
"Wir schiefen unabhängig vom Wetter einfach auf dem Boden", schreibt Orlow. Nach kurzer Zeit habe sich das Gesicht des Lagers verändert. "Wir hatten keine Messer oder Sägen und fällten die Bäume einfach mit Hilfe von an Steinen gefeilten Löffelgriffen, um uns Behausungen bauen zu können."
Auch vermeintliche Kleinigkeiten haben, das geht aus dem Brief hervor, über Leben und Tod entschieden. "Wenn jemandem nachts sein warmer Mantel gestohlen wurde, dann bedeutete das zur Winterzeit den sicheren Tod", sagt Renate Laustroer.
Orlow schreibt: "Im Winter 1941 / 42 organisierten sie ein Bad unter freiem Himmel." Danach "starben die Leute bei diesem Frost wie die Fliegen".
Sehr detailliert habe Dimitrij Orlow die Abläufe beschrieben, sagt Renate Laustroer, obwohl da bereits 50 Jahre vergangen gewesen seien. Kritik an der sowjetischen Führung, die früher sicherlich unmöglich gewesen wäre, werde ebenfalls deutlich. Der Brief und auch andere werden künftig im Archiv der Gedenkstätte Stalag 326 zu finden sein. Berichte von Zeitzeugen, wie die von Dimitrij Orlow, sind aus Sicht Potthoffs "von unermesslichem Wert".
Nationale Gedenkstätte
Jahrzehntelang hat sich der Förderverein der Dokumentationsstätte Stalag 326 um eine dauerhafte und bessere Unterstützung der Einrichtung beworben, bei der Stadt, beim Kreis, beim Land. Nach dem Besuch von Bundespräsident Joachim Gauck 2015 kam Bewegung in die Förderung der Einrichtung auf dem Geländer Polizeischule in Stukenbrock-Senne, es war zum ersten Mal die Rede von einer nationalen Gedenkstätte. Jetzt soll es eine Lenkungsgruppe richten.
Politik Seite 1
Bildunterschrift: Wichtiges Dokument: Günter Potthoff zeigt den von Dimitrij Orlow handgeschriebenen Brief und die Übersetzung. Beides soll demnächst im Archiv der Stalag-Gedenkstätte zu finden sein.
Bildunterschrift: Erinnerung: Dieses Bild ist im Sommer 1943 während des Einmarsches sowjetischer Kriegsgefangener in der Kriegsgefangenen-Mannschafts-Stammlager (Stalag) 326 IV /K in Stukenbrock-Senne entstanden.
_______________________________________________
Neue Westfälische - Tageblatt für Schloß Holte-Stukenbrock, 07.11.2017:
Der Brief stammt von Jakimowicz
Schloß Holte-Stukenbrock. In unserem Artikel "Zeilen von unermesslichem Wert" ist uns ein Fehler unterlaufen. Autor des zitierten Briefs ist nicht Dimitrij Orlow, sondern Zscholobow Iwan Jakimowicz, der wohl aus Tambow stammt. Orlow hat diesen und weitere Briefe lediglich dem hiesigen Heimatforscher Günter Potthoff überlassen. Potthoff und Orlow verband eine lange Freundschaft, Orlow starb 2010 im Alter von 102 Jahren.
04./05.11.2017
|