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Westfalen-Blatt / Zeitung für Gütersloh, Rheda-Wiedenbrück, Rietberg und Harsewinkel ,
04.11.2017 :
Glaubensbrüder gesucht
Wolf Hausmann möchte eine Jüdische Gemeinde gründen
Von Hendrik Christ
Gütersloh (WB). Vor eineinhalb Jahren hat sich Wolf Hausmann der jüdischen Glaubensgemeinschaft angeschlossen. Inzwischen ist die Religion in den Mittelpunkt seines Lebens gerückt. Allerdings vermisst der 53-Jährige den Austausch mit seinen Glaubensbrüdern vor Ort. Nun möchte Wolf Hausmann eine Jüdische Gemeinde in Gütersloh gründen. Den Weg dorthin empfindet er als lang, es bedürfe vieler kleiner Schritte.
Wenn Wolf Hausmann durch die Stadt oder im Supermarkt einkaufen geht, zieht er Blicke auf sich. Sein Erscheinungsbild mit Kippa und Zizit ist in Gütersloh die Ausnahme. Die Reaktionen sind gemischt: Vom interessierten Nachfragen bis zur Beschimpfung ("Drecksjude") sei schon alles dabei gewesen. "Ich kenne eigentlich gar keine anderen Juden in Gütersloh", gesteht Hausmann. "Vielleicht wohnen hier auch gar keine mehr. Aber es gab mal jüdisches Leben in dieser Stadt und ich möchte es wieder zum Blühen bringen."
Wolf Hausmann wurde in Berlin geboren und kam im Alter von drei Jahren nach Gütersloh, er wurde adoptiert. Nach dem Besuch der Overbergschule arbeitete er als Krankenpfleger, ist nach einem Unfall mit mehreren Wirbelbrüchen aber schwerbehindert. Vor eineinhalb Jahren starb seine leibliche Mutter: "Ich erfuhr, dass sie Jüdin war, dass ich Vorfahren jüdischen Ursprungs habe." Für Hausmann begann ein langer Selbstfindungsprozess, er führte Gespräche mit Psychologen und Therapeuten. "Mein Umfeld bescheinigt mir, dass ich noch nie so gelassen und ausgeglichen war wie jetzt", erklärt der 53-Jähige seine innere Ruhe. "Ich bin bei mir angekommen und kann nach vorne schauen."
Sein Glaube ist der zentrale Bestandteil im Leben Wolf Hausmanns. Trotzdem kann er hier nicht vollkommen koscher leben. "Dafür müsste ich in einer größeren Stadt wohnen mit koscheren Supermärkten und jüdischen Geschäften. Aber ich nähere mich an, so gut es geht." Dazu zählt etwa das Einhalten der 613 Ge- und Verbote, die die Heilige Schrift Tora vorschreibt.
Nichts wünscht sich Wolf Hausmann mehr, als die Religion gemeinsam mit Glaubensbrüdern in seiner Heimat Gütersloh auszuleben: "Zusammen den Sabbat feiern, gemeinsam in den Dialog kommen. Ich möchte nicht, dass jeder für sich im stillen Kämmerlein hockt. Mein Ziel ist es, hier ein Wir-Gefühl zu fördern." Momentan tauscht sich Hausmann mit Juden in ganz Deutschland aus, meist über das Internet. Ein Besuch in der Bielefelder Synagoge überzeugte den 53-Jährigen nicht: "Dort gehen viele Russlanddeutsche hin. Das scheitert leider an der Sprachbarriere." Die anderen Jüdischen Gemeinden in Minden, Osnabrück oder Herford seien ihm zu weit weg. Momentan plant Hausmann eine Jerusalem-Reise, er spielte sogar mal mit dem Gedanken, nach Israel auszuwandern: "Aber ich identifiziere mich mit Gütersloh. Deswegen möchte ich Vertrauensarbeit leisten, indem ich mich bekannt mache." Wolf Hausmann ist für Resonanz offen und unter Tel. 0176 / 34248054 oder per Mail an yachad@gmx.de zu erreichen.
Bildunterschrift: Mit der Kopfbedeckung Kippa und dem Schaufaden Zizit zieht Wolf Hausmann Blicke auf sich. Er möchte sich gern mit Gütersloher Juden austauschen.
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Neue Westfälische - Gütersloh, 27.07.2017:
Jude vor Haustür beschimpft
Vorfall: Zum wiederholten Mal wurde ein Mann jüdischen Glaubens in Gütersloh öffentlich angefeindet / Das berichtet jetzt eine Recherchestelle mit Sitz in Berlin
Von Stefan Boes
Gütersloh. Einen antisemitischen Vorfall, der sich bereits am 2. Juli in Gütersloh zugetragen haben soll, meldete gestern die Berliner Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS).
Demnach ist ein Jude vor seiner Haustür antisemitisch beschimpft worden. Der Mann, der durch seine Kippa und seine Schaufäden als Jude erkennbar war, soll am Abend des 2. Juli vor seiner Haustür gestanden und geraucht haben. Auf dem Weg zurück ins Haus hörte er, wie jemand aus einem vorbeifahrenden Auto "Drecksjude" rief.
Der Betroffene wurde in der Vergangenheit schon häufiger in der Öffentlichkeit angefeindet, heißt es in der Mitteilung von RIAS. "Finden antisemitische Bedrohungen im unmittelbaren Wohnumfeld der Betroffenen statt, sind sie für diese häufig besonders bedrohlich", schreibt die Informationsstelle.
Dem Betroffenen habe man nahegelegt, den Vorfall bei der Polizei anzuzeigen. "In der Regel raten wir dazu", sagte Benjamin Steinitz. "Es handelt sich in solchen Fällen mindestens um Beleidigung. Je nach Wortwahl ist auch der Straftatbestand der Volksverhetzung erfüllt", sagte der Mitarbeiter der Informationsstelle gegenüber der NW. "In diesem Fall liegt die Schwierigkeit darin, dass der Betroffene bereits auf dem Weg zurück ins Haus war und den Autofahrer nicht richtig erkennen konnte", so Steinitz.
Die Berliner Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus ist ein Projekt des Vereins für Demokratische Kultur in Berlin (VDK).
RIAS hat in Kooperation mit jüdischen und nicht-jüdischen Organisationen ein Meldesystem für antisemitische Vorfälle in Berlin aufgebaut. Meldungen und eigene Recherchen werden dort systematisiert und analysiert. Die Institution ist in Deutschland bisher einzigartig und registriert inzwischen auch Vorfälle über Berlin hinaus. Weitere gemeldete Vorfälle in Gütersloh gab es nach Aussagen von Steinitz in diesem Jahr noch nicht.
Antisemitisch motivierte Delikte fallen bei der Polizei unter politisch motivierte Kriminalität. Im Kreis Gütersloh konnten laut Jahresbilanz 2015 nur 27,3 Prozent der politisch motivierten Straftaten aufgeklärt werden.
Betroffene oder Beobachter von antisemitischen Vorfällen können diese auf der Webseite melden: www.report-antisemitism.de
Bildunterschrift: Symbol jüdischer Religion: Ein mit Kippa und Schaufäden bekleideter Gütersloher jüdischen Glaubens (nicht auf diesem Bild zu sehen) wurde bereits häufiger Opfer antisemitischer Anfeindungen. Anfang Juli wurde er von einem vorbeifahrenden Autofahrer übel beleidigt.
04./05.11.2017
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