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Neue Westfälische - Bielefelder Tageblatt ,
04.12.2017 :
"Kirchenasyl wird an Gewicht gewinnen"
Synode: Arends will das Diakoniereferat stärker einbinden / Kritik wegen langem Aufenthalt zum Beispiel in der Einrichtung in Oerlinghausen
Oerlinghausen / Leopoldshöhe (mah). In Lippe hat es in diesem Jahr bislang sechs Kirchenasyle gegeben. Wie Landessuperintendent Dietmar Arends der Synode berichtete, sind vier von ihnen bereits abgeschlossen.
Dies bedeutet, dass die geflüchteten Menschen nun einen Aufenthaltsstatus haben, ergänzte Dieter Bökemeier, der Landespfarrer für Flucht und Migration. Einer habe das Kirchenasyl von sich aus abgebrochen, ein weiteres stehe kurz vor dem Ende. Arends kündigte an, "wegen der hohen Belastung gerade bei länger dauernden Kirchenasylen" eine intensivere Begleitung durch das Diakoniereferat anzubieten. "Es ist damit zu rechnen, das das Thema Kirchenasyl auf Grund der vielen anstehenden Asylentscheidungen noch einmal mehr Gewicht bekommen wird."
Arends kritisierte, dass Geflüchtete nun teilweise zwei Jahre in Landesaufnahmeeinrichtungen wie die in Oerlinghausen bleiben. "Neben dem Problem der Kasernierung auf engem Raum, der fehlenden Beschulung und eingeschränkter medizinischer Versorgung sind die Menschen so auch den Unterstützungsstrukturen in den Kommunen entzogen."
Es sei eine große Herausforderung für Kirche und Zivilgesellschaft, auch den Geflüchteten in solch abgelegenen und zumeist zugangsbeschränkten Einrichtungen auch in Zukunft Hilfsangebote zu machen.
Arends sagte, es werde in anderen Landeskirchen wahrgenommen, dass die Synode im Arbeitsfeld "Flucht und Migration" des Diakoniereferates in den vergangenen Jahren immer wieder Beschlüsse gefasst und Geld zur Verfügung gestellt habe. Hier zeige die Landeskirche ein besonderes Profil. Dietmar Arends lobte die enge Zusammenarbeit zwischen Bökemeier und dem Diakoniereferat, Absprachen seien eng, Synergien groß.
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Lippische Landes-Zeitung, 02./03.12.2017:
Ein Jahr der Hoffnung hat sich gelohnt
Kirchenasyl: Ein Ehepaar aus Georgien erhielt im Gemeindehaus Müssen Schutz / Jetzt steht fest: Es darf in Deutschland bleiben / Der Weg führt die Eheleute nach Xanten
Lage-Müssen (sc). Das Ziel ist erreicht. Die Abschiebung vom Tisch. Nach einem Jahr des Hoffens und Wartens dürfen Stela und Sedrak G., denen die Kirchengemeinde Stapelage-Müssen Asyl gewährt hat (die LZ berichtete), in Deutschland bleiben. Doch mit der Erleichterung mischt sich Trauer.
Die Stimmung ist bedrückt. Es ist der letzte Tag für Stela und Sedrak in Müssen. Die Koffer sind gepackt. Es heißt Abschied nehmen von den Mitgliedern des Kirchenvorstands, dem Pfarrer, der Küsterin sowie weiteren Wegbegleitern der vergangenen zwölf Monate. "Ein hartes und schweres Jahr liegt hinter uns", sagt Johannes-Elmar Schirmer und denkt an Tage des Bangens, an denen das Leben von Sedrak, der unheilbar lungenkrank ist, auf der Kippe stand. An dauerhafte Fieberschübe und die Panik vor einem Stromausfall mit Blick auf die Sauerstoffmaschine. "Aber es war gut. Und das zählt."
Der Vorsitzende des Kirchenvorstands der reformierten Gemeinde Stapelage-Müssen hat das Ehepaar aus Georgien jeden Tag besucht. Ohne Ausnahme. "Sie durften das Gelände ja nicht verlassen, lebten in unserem umfunktionierten Büro", beschreibt er die Isolation. "Das Schlimmste war, das lange Warten auszuhalten. Den Stillstand. Keine Perspektive anbieten zu können", erzählt Pfarrer Holger Teßnow von abgelehnten Asylanträgen und schwebenden Gerichtsverfahren.
Am 17. November kam endlich die lang ersehnte Meldung: Dank eines ärztlichen Gutachtens wurde Sedrak als dauerhaft flugunfähig eingestuft. Trotzdem will dem 50-Jährigen kein Lächeln über die Lippen kommen. "Er hat Angst", weiß Pfarrer Teßnow. Angst vor der Zukunft, die ihn und seine Frau Stela in Xanten als Ort der Zuweisung erwartet. "Dort wird es auch gute Menschen geben", versucht Johannes-Elmar Schirmer Mut zu machen. In Müssen konnte das Ehepaar auf ein kleines, aber stabiles Netzwerk zählen. Die Hilfs- und Spendenbereitschaft war enorm. "Sedrak braucht unglaublich viele Medikamente", beziffert Holger Teßnow den geleisteten finanziellen Aufwand mit insgesamt 10.000 Euro. "Ein Lagenser Arzt hat ihn betreut und auf sein Honorar verzichtet. Ein Apotheker, der ebenfalls in Lage ansässig hat, hat für die Medizin Einkaufspreise gewährt", ist er dankbar. "Doch nicht nur der Körper von Sedrak, der magere 44 Kilogramm auf die Waage bringt, ist geschädigt. Sondern auch die Seele", weiß der Pfarrer um die psychischen Spuren. Nun steht das Büro wieder als solches zur Verfügung. Was bleibt, ist die Erinnerung.
Schutz auf Zeit
Das erste Kirchenasyl wurde im Jahr 1983 in Berlin gewährt. Es steht in einer jahrhundertealten Schutztradition, aus der heraus es sich in den vergangenen drei Jahrzehnten zu einer Praxis entwickelt hat, die dann eingreift, wenn eine Abschiebung in Gefahrensituationen droht. Die Kirchengemeinde Stapelage-Müssen hat bereits vor etwa zehn Jahren schon einmal ein Asyl gewährt. Vor einem Jahr gab es in ganz Lippe noch vier solcher vorübergehenden Aufnahmen. Aktuell wird derzeit nur noch ein Kirchenasyl gewährt.
Bildunterschrift: Haben Abschied genommen: (von links) Gisela Sander, Werner Riesenberg, Stela G., Selma Rehl, Claudia Schönwald, Sedrak G., Johannes-Elmar Schirmer sowie Pfarrer Holger Teßnow.
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