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Neue Westfälische , 04.12.2017 :

Die führenden Extremismus-Forscher

Zwei Jahrzehnte: Das Bielefelder Institut für Konflikt- und Gewaltforschung besteht seit 20 Jahren / Wissenschaftler sehen Probleme auch als potenzielle Katalysatoren für die Veränderung von Gesellschaften

Von Ivonne Michel

Bielefeld. Extremismus, Konflikte und Gewalt sind in den Medien allgegenwärtig. Intolerante, teils gewalttätige Gruppen beschäftigen aktuell auch die Bielefelder Universität, weil sie internationale Konflikte, wie den zwischen Türken und Kurden, in die Hochschule tragen. Das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Universität Bielefeld beschäftigt sich mit Themen wie diesen und das bereits seit 20 Jahren. Heute ist das IKG eine der führenden deutschen Forschungseinrichtungen in diesem Bereich.

Seit 2013 leitet Andreas Zick das Institut, als Nachfolger von Wilhelm Heitmeyer. Der Soziologe und Erziehungswissenschaftler hatte das interdisziplinäre Forschungszentrum in Bielefeld aufgebaut und etabliert.

Die Forschungsthemen sind oft nah am politischen Geschehen

Hass-Taten gegenüber Flüchtlingen, soziale Proteste oder menschenfeindliche Überzeugungsmuster und Milieus: Die Themen, die das IKG untersucht, sind nah am politischen Geschehen. Viele neue Analysen des Instituts befassen sich mit der Radikalisierung junger Menschen - etwa durch (neo-)salafistische Propaganda - und tragen zur Prävention bei.

Das IKG ist ebenfalls bekannt für seine Studien zu Gewalt im Fußball. Dabei geht es um die Analyse der Ursachen, aber auch um ihre Bedeutung für sozialen Zusammenhalt, Partizipation, Demokratie und Frieden.

Seit 16 Jahren prägt das IKG mit seinen Analysen zur "gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit" die Forschung und die öffentliche Diskussion über die Abwertung und Ausgrenzung schwacher Gruppen. Heute wird der Begriff auch in Medien und Politik verwendet und prägte die Strategien zur Stärkung der Demokratie in der noch amtierenden Bundesregierung. Die Forscher des IKG, die aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen stammen, betrachten Konflikte und Gewalt als Herausforderungen, aber auch als potenzielle Katalysatoren für die Veränderung von Gesellschaften. "Wir untersuchen vor allem die Bedingungen, Ausdrucksformen und Konsequenzen von Konflikten und Gewalt innerhalb von Gesellschaften", erklärt Institutsleiter Zick.

Fragen zu zunehmender Gewaltbereitschaft gegenüber hilfeleistenden Berufsgruppen und Journalisten, Cyber-Mobbing oder zu gefährlichen Netzwerken rechtsextremer Gruppen: Zick ist ein gefragter Experte. Bundesweit wird Zick um Einschätzung gebeten. "Wir werden von Medien angefragt, weil Konfliktforschung soziale Veränderungen oft früher sieht als sie in öffentlichen Debatten auftauchen", sagt Zick. Hinzu komme, dass Konflikten und Gewalt am besten zu begegnen sei, wenn man wissenschaftliche Erkenntnisse heranziehe.

"Da wir an der Meinung von Bürgern interessiert sind, geben wir unsere Erkenntnisse auch gerne zurück und stellen uns öffentlichen Debatten", ergänzt der Experte.

Meilensteine aus 20 Jahren

Dezember 1996: Das IKG wird gegründet.

April 1997: Das Institut wird mit dem Symposium "Gesellschaftliche Entwicklungen, wissenschaftliche Verantwortung und Gewalt" eröffnet.

2002: Wilhelm Heitmeyer, damaliger IKG-Direktor, gibt den ersten Band der Reihe "Deutsche Zustände" heraus. Es folgen zehn weitere Bände der Forscher über die Entwicklung der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit im Land.

2007: Das IKG bringt die Open-Access-Zeitschrift "International Journal of Conflict and Violence" heraus.

2013: Andreas Zick wird vom Vorstand des Instituts zum neuen Direktor gewählt.

2015: Evaluation und Beschluss des Rektorats, das IKG für weitere acht Jahre als zentrale wissenschaftliche Einrichtung zu führen.

2015: Das IKG ruft die Kampagne "Uni ohne Vorurteile" ins Leben.

2016: Zick erhält den Communicator-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft und des Stifterverbandes für deutsche Wissenschaft.

Bildunterschrift: Gefragter Gesprächspartner: Andreas Zick leitet das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Universität Bielefeld seit 2013.

Bildunterschrift: Gründete das IKG 1996: Wilhelm Heitmeyer.


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