|
Westfalen-Blatt / Zeitung für Schloß Holte-Stukenbrock ,
04.12.2017 :
Norbert Sahrhage: Der Mordfall Franziska Spiegel
Die Lesung im Kulturforum macht betroffen
Schloß Holte-Stukenbrock (WB). Bevor Norbert Sahrhage sein Manuskript nimmt und vorliest, informiert er seine Zuhörer im Kulturforum am Altenkamp an Hand einiger Bild- und Texttafeln über den geschichtlichen Hintergrund. Welche Ereignisse liegen dem Roman zugrunde, wo spielt sich die Handlung ab, in welche Zeit führt die Geschichte zurück.
Der "Krimi" basiert auf Tatsachen. Franziska Spiegel wurde am 4. November 1944 in der Nähe des Hücker Moores (Kreis Herford) von zwei Angehörigen der Leibstandarte Adolf Hitler ermordet. Franziska Spiegel ist Jüdin, verheiratet mit Gottfried Spiegel, einem "arischen" Deutschen. Somit lebt sie nach den nationalsozialistischen Rassegesetzen in einer privilegierten Mischehe. Die Fotos zeigen das Haus, wo Franziska und Gottfried Spiegel mit ihrem Sohn Rolf lebten, zeigen den letzten Weg, den Franziska von ihren Mördern getrieben und dann erschossen wird.
Ein letztes Dokument: die retuschierte Meldekarte der Ermordeten. Der Pfarrer in Bünde lehnt es ab, dass Franziska Spiegel auf dem Hunnebrocker Friedhof beerdigt wird. Sie wird nachts in aller Heimlichkeit auf dem Flurstück "Im Paradies" beerdigt. An ernsthaften Ermittlungen ist man 1944 nicht interessiert. In der Akte im Landesarchiv Detmold findet Sahrhage widersprüchliche Hinweise. Das Verfahren wird 1948 / 49 eingestellt, die Täter konnten nicht ermittelt werden, so die Aktennotiz. Doch in der Akte finden sich einige Hinweise, man hätte Spuren zu den Tätern finden können.
Nach dieser Einleitung beginnt die Lesung, Sahrhage liest den ersten Teil des Buches, der die Ereignisse vom 3. bis 8. November 1944 umfasst. Sein Schreibstil ist knapp und sachlich, gleichwohl nimmt die Geschichte die Zuhörer sogleich in ihren Bann. Diese Betroffenheit mag von der räumlichen Nähe hier in Ostwestfalen herrühren, und sie wird durch das Bewusstsein verstärkt, dass das Verhalten des Ortsgruppenleiters, der Franziska Spiegel an die SS verrät und später von nichts gewusst haben will, so symptomatisch für viele in der Nachkriegszeit steht.
Nach der Lesung kommt es zu einem lebhaften Gespräch. Zur Sprache kommt unter anderem, dass der Sohn Rolf nach Australien ausgewandert ist, er konnte es nicht ertragen, in einem Land zu leben, in dem die Mörder seiner Mutter unbehelligt blieben. 1991 wird ein Gedenkstein mit Inschrift errichtet und der letzte Weg der Franziska Spiegel erhält ihren Namen.
"Und wer die im zweiten Teil beschriebenen Mordermittlungen durch den Kriminalinspektor Zöllner nachverfolgen möchte, der kann es selber lesen", sagt Norbert Sahrhage und dann signiert der Krimiautor am Büchertisch die gekauften Exemplare.
Eingeladen zu der Veranstaltung hatte der Kulturkreis Schloß Holte-Stukenbrock.
Bildunterschrift: Norbert Sahrhage aus Spenge hat im Kulturforum seinen vierten Kriminalroman vorgestellt, in dem er eindringlich und mit historischer Genauigkeit den Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit in der Nachkriegszeit beschreibt.
_______________________________________________
Westfalen-Blatt / Engerscher Anzeiger - Spenger Nachrichten, 31.01.2006:
Unbekannte schänden Franziska-Spiegel-Stein / Bronzetafel gestohlen und Hakenkreuz hinterlassen
Von Antje Kreft und Julia Lüttmann
Hücker-Aschen (SN). Dort, wo bisher eine Bronzetafel an sie erinnerte, prangt jetzt ein großes Hakenkreuz in grüner Farbe. Unbekannte haben den Franziska-Spiegel-Gedenkstein im Hückerholz geschändet. Die Platte aus Bronze, auf der das Schicksal der ermordeten Jüdin nachzulesen war, haben die Täter mitgenommen.
"Ein offensichtlich rechtsextremistisches Motiv ist nicht auszuschließen", teilte Detlef Albers von der Kreispolizeibehörde Herford mit. Nach Polizeiangaben hatte ein Spaziergänger die geschändete Gedenkstätte gestern Morgen im Franziska-Spiegel-Weg entdeckt. Er informierte gegen 10.30 Uhr die Polizei. Die bronzene Platte ist abgeschraubt und entwendet worden. An derselben Stelle haben der oder die unbekannten Täter ein Hakenkreuz in grüner Farbe - vermutlich aufgesprüht - hinterlassen. Auf der Suche nach der Erinnerungstafel suchten die Polizeibeamten das Gelände vor Ort weiträumig ab, konnten es aber nirgends entdecken.
"Selbstverständlich wird die Gedenkstätte so schnell wie möglich wieder in einen würdigen Zustand versetzt", kündigte Dieter Meyer (Kulturamt) gestern auf Anfrage an. Er zeigte sich von der Tat tief betroffen: "Es ist traurig, dass es 60 Jahre nach Ende der nationalsozialistischen Diktatur noch Menschen gibt, die meinen, sie müssten das Andenken an die Opfer des Nationalsozialismus auf diese Weisen schänden. Die Tat ist abscheulich."
An einen ähnlichen Vorfall im Kreis Herford kann sich Harry Rothe, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Herford, nicht erinnern. "So etwas ist bestimmt schon seit zehn Jahren nicht im Kreis Herford passiert. Solche Taten sind immer schlimm. Man kann allerdings nicht entscheiden, ob es sich dabei um einen Jungenstreich oder tatsächlich um Rechtextremisten gehandelt hat", teilte Harry Rothe im Gespräch mit den Spenger Nachrichten mit.
Der Gedenkstein im Hückerholz war am 4. November 1991, 47 Jahre nach der Ermordung Franziska Spiegels durch zwei SS-Männer, aufgestellt worden. Einige Monate zuvor war die Straße in Franziska-Spiegel-Weg umbenannt worden. Die Jüdin Franziska Spiegel war 1943, als die Deportation der Bünder Juden bereits abgeschlossen war, mit ihrem "arischen" Ehemann und einem gemeinsamen Kind in die Gemeinde Werfen gezogen. Am 4. November 1944 erschienen zwei SS-Männer in der Wohnung der Spiegels und zwangen die Jüdin, in das nahe gelegene Hückerholz mitzukommen. Auf der Grenze zwischen den Gemeinden Werfen und Hücker-Aschen töteten sie die wehrlose Franziska Spiegel durch einen Schuss in den Hals.
Der Staatsschutz der Polizei Bielefeld befasst sich jetzt mit der Tat. Zeugenhinweise nimmt die Polizei in Herford unter der Rufnummer 05221 - 8880 entgegen.
|