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Neue Westfälische - Bielefelder Tageblatt , 04.12.2017 :

Religion im Jahr 5778


Tag der offenen Tür: Die Jüdische Kultusgemeinde "Beit Tikwa" an der Detmolder Straße zeigte ihr Gotteshaus und erklärte ihre Praxis und Tradition

Von Ansgar Mönter

Bielefeld. Seit 2008 steht in Bielefeld wieder eine repräsentative Synagoge - 70 Jahre nach dem von den Nazis abgebrannten alten jüdischen Gotteshaus an der Turnerstraße. "Beit Tikwa" heißt die Jüdische Kultusgemeinde, die sie mit Leben füllt. Jetzt lud sie ein zum Tag der offenen Tür.

320 Mitglieder zählt die Gemeinde, Tendenz leicht steigend, wie Kantor Paul Yuval Adam berichtet. Die Synagoge, ehemals evangelisch Paul-Gerhardt-Kirche, ist wichtige für das jüdische Leben in Bielefeld, weil dort "die Kultur und das Leben" dieser Religion weitergetragen werde, wie Elena Egorov erklärt. Sie führte die Besucher durch das Gotteshaus und erläuterte das Leben und die Gebräuche darin.

Durch die Morde der Nazis an den Juden gab es über Jahrzehnte nur ganz wenig jüdisches Leben in der Stadt, kaum sichtbar. Das hat sich durch die Synagoge geändert. Die Gemeinde war in den Jahren davor gewachsen durch den Zuzug von Juden vor allem aus den Nachfolgeländern der Sowjetunion. Noch heute bilden die Osteuropäer die stärkste Gruppe in der Synagoge. Zur Zeit kommen laut Adam vor allem Juden aus der Ukraine.

Nächstes Großereignis in der Synagoge ist Mitte Dezember "Chanukka", ein acht Tage dauerndes, jährlich begangenes Fest. Gefeiert wird es nicht, wie etwa das christliche Weihnachten, an einem festen Datum, sondern je nach Mond des jüdischen Kalenders. "Wobei wir nicht nur nach dem Mond gehen", erklärt Kantor Adam. Weil die Juden in aller Welt verstreut leben, wählte man einen praktischen Ansatz und zog weitere Elemente in den Festkalender ein, zum Beispiel Schaltjahre mit 13 Monaten. So wird verhindert, dass Feiern wie das Lichterfest "im gleißenden Sommer stattfinden", wie Adam sagt. Anders ist auch die Zeitrechnung der Juden. Im religiösen Leben zählen nicht Christi Geburt und der gregorianische Kalender als Orientierung, sondern der jüdische Kalender. Nach dem befinden sich die Gläubigen im Jahr 5778.

Religiös betreut wird die Bielefelder Gemeinde immer noch von dem Rabbiner Henry Brandt, der vor wenigen Wochen seinen 90. Geburtstag feierte. Der in Augsburg lebende Geistliche kommt einmal im Monat nach Bielefeld. Allerdings hat er eine andere Rolle als etwa Pfarrer in christlichen Kirchen. Rabbiner ist nicht sein Beruf, sondern seine Berufung. In dieser Funktion ist er Ratgeber, Lebensberater und religiöse Leitfigur für die Mitglieder. Gottesdienste aber können "theoretisch alle Mitglieder halten", erklärt Paul Yuval Adam. Und so geschieht es auch.

Bildunterschrift: Schlicht und schön: Barbara und Burkhard Hansmann betrachten das Innere der Synagoge an der Detmolder Straße von der Empore aus. Das Gebäude war bis vor etwa zehn Jahren eine evangelische Kirche.

Bildunterschrift: Heiligtum: Besucher Friedhelm Hoffmann bekommt von Ilja Egorov eine kleine Tora-Rolle gezeigt.


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