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Mindener Tageblatt , 25.10.2017 :

Nur eine Tochter überlebte den Holocaust

Fünf weitere Stolpersteine werden am 21. Dezember in Hausberge verlegt / Sie erinnern an die jüdische Familie Pinkus / Sie betrieb bis 1938 an der Hauptstraße ein Textilgeschäft

Von Stefan Lyrath

Porta Westfalica-Hausberge (Ly). Marianne Domke (89) hat die Geschichte schon oft erzählt, meistens vor Schülern in der "Zeitzeugen"-Reihe des Seniorenbeirates. Bis heute fragt sich die Portanerin, wie es mitten in Hausberge zu diesem brutalen Übergriff gegen jüdische Mitbürger kommen konnte. "Ich habe keine Antwort gefunden."

Am Nachmittag des 10. November 1938 marschiert das "Rollkommando Freymuth" auf, benannt nach dem Mindener SA-Führer Wilhelm Freymuth. Marianne, ein Mädchen von zehn Jahren, hört das Geräusch der Stiefel auf dem Kopfsteinpflaster. Von der Ortsstraße, wo sie wohnt, geht die Schülerin das kurze Stück hinüber zur Hauptstraße. Was Marianne vor dem Haus der Familie Pinkus sieht, kann sie ein Leben lang nicht vergessen.

Sie beobachtet "eine riesige Menge brauner Uniformen" und hört Gegröle. "SA-Männer schubsen die Familie aus dem Haus, Eltern und zwei Töchter. Von ihnen ist kein Schrei zu hören, die Kinder weinen. Da kommt ein SA-Mann aus der Reihe und tritt Frau Pinkus in den Leib." Marianne schreit auf und läuft davon, weil sie die Situation als bedrohlich empfindet. Was danach passiert, sieht sie nicht mehr.

Geschehen ist dies vor dem Textil-Geschäft von Familie Pinkus an der Viktor-Lutze-Straße, heute Hauptstraße 12. Auf Initiative des Portaner Gedenkstättenvereins werden dort am Donnerstag, 21. Dezember, um 9 Uhr fünf Stolpersteine verlegt. Sie erinnern an Gustav und Helene Pinkus sowie deren Töchter Inge, Helga und Marga, damals 15, zwölf und zehn Jahre alt.

Nur Inge überlebt den Holocaust. Sie geht 1939 nach Palästina. Ihre Eltern und Geschwister kommen im März 1942 ins Warschauer Getto und sterben wohl noch im selben Jahr. Ob sie in Warschau den Tod finden oder im Lager Treblinka vergast werden, bleibt unklar.

"Wir bekommen eine Suppe, die nicht zu essen ist, morgens und abends nichts, keinen Kaffee. Wir liegen auf einer harten Pritsche, ich selbst liege auf dem Fußboden. Mir ist zu Mute, dass ich am liebsten kurzen Prozess machen möchte, denn dies ist nicht auszuhalten", schreibt Gustav Pinkus im Mai 1942. Die Familie leidet furchtbar.

"Mir ist zu Mute, dass ich am liebsten kurzen Prozess machen möchte."

Marianne Domke hat Gustav und Helene Pinkus als "herzensgute Menschen" kennengelernt, die "sehr sozial eingestellt" gewesen seien. "Als mein Vater 1929 starb, hat Frau Pinkus meine Mutter und uns Kinder von Kopf bis Fuß eingekleidet. Das hat sie meiner Mutter geschenkt." Nach dem Novemberpogrom zieht die jüdische Familie nach Minden um.

Wilhelm Freymuth ist bereits tot, als Gustav, Helene, Marga und Helga Pinkus deportiert werden. Er fällt 1941 als Soldat vor Moskau. Ein anderer Haupttäter stirbt wohl ebenfalls im Krieg, einer begeht Selbstmord, ein anderer wird 1948 lediglich zu drei Monaten Haft verurteilt. Dies geht aus einem gemeinsamen Bericht von Sozialwissenschaftler Hans-Werner Dirks und des 2017 verstorbenen Kristan Kossack hervor, der diverse Veröffentlichungen zu regionaler Zeitgeschichte verfasst hat.

Der 10. November 1938 ist der Tag nach der Pogromnacht, von den Nazis "Reichskristallnacht" genannt, als in ganz Deutschland die Synagogen brennen, Juden werden auf offener Straße ermordet, verprügelt, in Konzentrationslager verschleppt. "Da dem SA-Führer Freymuth die Verwüstungen und Misshandlungen vom 9. November 1938 nicht ausgereicht hatten, wurden weitere Gewalttaten nachgeholt", heißt es in dem Artikel von Dirks und Kossack, erschienen 2009 in der MT-Serie "Spuren jüdischen Lebens".

Um die "Volkswut" stärker zum Ausdruck zu bringen, seien Juden in benachbarten Ortschaften überfallen worden. Nach den Übergriffen vor dem Textilgeschäft Pinkus, das stark verwüstet wird, zieht der braune Mob weiter, um den Familien Honi und Windmüller Ähnliches anzutun.

Auch zum Gedenken an diese Opfer hat der Künstler Günter Demnig in Hausberge bisher 17 Stolpersteine verlegt. Nun kommen fünf hinzu. Einen anderen Weg gehen die Kleinenbremer. Sie wollen im November vor der Kirche eine Stele einweihen, die an alle NS-Opfer aus Kleinenbremen erinnert, darunter auch zwei jüdische Familien.

Bildunterschrift: Gustav Pinkus schrieb aus dem Getto.

Bildunterschrift: Helene Pinkus hatte ein Herz für Menschen in Not.

Bildunterschrift: Helga Pinkus starb im Getto oder in der Gaskammer. Nur ihre drei Jahre ältere Schwester überlebte.

Bildunterschrift: Marga Pinkus, die jüngste Tochter der Familie, wurde ebenfalls ermordet.

Bildunterschrift: Günter Demnig, hier bei einer früheren Aktion, wird die Stolpersteine verlegen.


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