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Mindener Tageblatt ,
16.11.2017 :
Mutig gegen Nazis
Wilhelm Gerntrup hält Vortrag
Porta Westfalica-Kleinenbremen (Ly). Nicht alle waren Nazis. Auch in Kleinenbremen haben couragierte Menschen den braunen Machthabern die Stirn geboten.
Daran soll jetzt ein Vortrag erinnern, den der frühere Ortsheimatpfleger Wilhelm Gerntrup am Mittwoch, 22. November, um 19.30 Uhr im Evangelischen Gemeindehaus (Johannes-Delius-Haus), Schillingshof 1. Gerntrups Thema: "NS-Machtübernahme und örtlicher Widerstand in Kleinenbremen". Zu dem Vortrag lädt der örtliche Heimatverein ein.
Unterdessen hat die Kirchengemeinde Kleinenbremen einen neuen Termin festgelegt, wann die geplante Stele auf dem Kirchengelände eingeweiht werden soll: Samstag, 27. Januar, wahrscheinlich um 11 Uhr.
Das ist zugleich der bundesweite Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Am 27. Januar 1945 hatte die Rote Armee das Vernichtungslager Auschwitz befreit.
Die Stele soll an alle NS-Opfer aus Kleinenbremen erinnern, darunter zwei jüdische Familien. Für die Errichtung des Gedenksteins am Zaun zur Kleinenbremer Straße setzen sich Gerntrup, dessen Nachfolger Wolfgang Karras, der Heimatverein und die Kirchengemeinde ein.
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Mindener Tageblatt, 15.09.2017:
Stele erinnert an alle NS-Opfer
Bis zur Kranzniederlegung am Volkstrauertag soll der zwei Meter hohe Gedenkpfeiler vor der Kleinenbremer Kirche stehen / Zur Zeit wird an einem Text gearbeitet
Von Stefan Lyrath
Porta Westfalica-Kleinenbremen (Ly). Die Entscheidung ist gefallen: Eine zwei Meter hohe Stele vor der Kirche soll an alle Nazi-Opfer aus Kleinenbremen erinnern, darunter die jüdischen Familien Philippsohn und Tannenbaum. Für die Enthüllung des Gedenkpfeilers zieht Pfarrer Ekkehard Karottki den Volkstrauertag, 19. November, in Erwägung, wahrscheinlich gegen 11 Uhr nach dem Gottesdienst.
"Die Zeitzeugen sterben aus. Durch die Stele kann sich die Öffentlichkeit das Geschehen immer wieder vor Augen führen", erklärt Karottki. Allein neun Kleinenbremer jüdischen Glaubens waren während der NS-Zeit verschleppt und ermordet worden oder "in auswegloser Verzweiflung wenige Monate vor der drohenden Vernichtung gestorben", wie der frühere Ortsheimatpfleger Wilhelm Gerntrup schreibt. Unter den Todesopfern war auch der 1942 erst sechs Jahre alte Kurt Tannenbaum.
Der Ort Kleinenbremen geht mit der Stele einen eigenen Weg
Als Standort der Gedenkstätte ist eine Ecke am Zaun des Kirchengeländes vorgesehen, damit der Pfeiler von der Kleinenbremer Straße aus gut zu sehen ist. Vor dem großen Mahnmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs, das direkt neben dem Gotteshaus steht, würde er untergehen. Kirchbaumeister Ernst Aldag geht davon aus, dass die Stele aus Obernkirchener Sandstein in etwa drei Wochen geliefert wird.
Zur Zeit feilen Pfarrer Ekkehard Karottki und seine Mitstreiter am Text für eine Messingtafel, die daran angebracht wird. So einfach ist das nicht, denn die Buchstaben müssen groß sein, gleichzeitig muss das Wesentliche untergebracht werden.
Die Gedenkstätte soll aber nicht nur erinnern. Ekkehard Karottki sieht Parallelen zu heute und versteht das Projekt daher auch als Appell. "Der Antisemitismus war nie weg. Viele Menschen haben leider nichts dazugelernt", erklärt er. "Man hört häufig von Beschwerden aus Jüdischen Gemeinden in Deutschland." Zum Teil fühlen sich Juden in der Bundesrepublik nicht mehr sicher.
Mit der Stele geht Kleinenbremen einen eigenen Weg, während der Verein KZ-Gedenk- und Dokumentationsstätte Porta Westfalica im eher städtischen Hausberge auf Stolpersteine zur Erinnerung an jüdische NS-Opfer setzt. "Steine würden in einem Dorf wie unserem kaum wahrgenommen", hatte Ortsheimatpfleger Wolfgang Karras klargemacht (wir berichteten).
Anfangs war auch ein Gedenkstein im Gespräch. Diese Idee wurde im Presbyterium jedoch wieder verworfen, weil dort Büsche stehen. "Ein Gedenkstein würde vom Unterholz verdeckt", erklärt Kirchbaumeister Ernst Aldag. "Die Stele fällt dagegen durch ihre Höhe auf und setzt sich ab."
Für den steinernen Pfeiler (200 x 30 x 30) rechnet Aldag mit Kosten in Höhe von etwa 400 Euro. Hinzu kommt die Messingtafel. Zur Finanzierung soll möglicherweise ein Spendenaufruf gestartet werden. Hinter dem Projekt stehen Ortsheimatpfleger Karras, die Kirchengemeinde sowie als Unterstützer der Heimatverein Kleinenbremen.
Dessen Vorsitzender Walter Caselitz begrüßt das Vorhaben. "Es geht um einen Teil unserer Ortsgeschichte, der zu den dunklen Kapiteln gehört", betont er. "Bürger aus Kleinenbremen haben damals keinen Schutz gefunden." Die Heimatfreunde haben ihre Bereitschaft erklärt, an den weiteren Beratungen teilzunehmen und eventuell einen Teil der Kosten zu übernehmen.
Aufgearbeitet hat das Schicksal der beiden jüdischen Familien Karras’ Vorgänger Wilhelm Gerntrup. Von Gerntrups 134-seitiger Dokumentation "Nachbarn in Not" sind noch einige Exemplare zu haben. Interessenten wenden sich an Walter Caselitz, Telefon (05722) 90450.
Bildunterschrift: Pfarrer Ekkehard Karottki und Kirchbaumeister Ernst Aldag an dem Ort, wo die Stele aufgestellt wird. Im Hintergrund ist das Mahnmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs zu sehen.
Bildunterschrift: Aus dieser Steinplatte soll der Gedenkpfeiler für die Opfer der Nazi-Herrschaft entstehen.
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