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Mindener Tageblatt ,
18.11.2017 :
Erinnerungsarbeit
Am Rande des Nordfriedhofs liegt ein Gräberfeld für Zwangsarbeiter / Seit mehr als 20 Jahren sorgt eine Gruppe Mindener dafür, dass auch dieser Verstorbenen am morgigen Volkstrauertag gedacht wird
Von Doris Christoph
Minden (mt). Elisabeth - viel mehr als den Vornamen kennt Magdalene Wichmann nicht von dieser Frau. Und auch er verschwindet langsam, die Buchstaben liegen nur noch wie ein Hauch auf dem Grabstein, ebenso wie das Geburts- und Todesjahr: 1886 und 1944. Wahrscheinlich starb die Unbekannte bei einem Bombenangriff der Alliierten auf den Mittellandkanal. Die Lage ihres Grabes erzählt außerdem: Elisabeth war eine Zwangsarbeiterin.
135 Gräber von so genannten "Ostarbeitern" liegen am Rande des Nordfriedhofs, viele Grabsteine tragen Namen in kyrillischer Schrift, aber auch Holländer, Belgier und Jugoslawen liegen hier, zählt Magdalene Wichmann auf. Dass sie nicht in Vergessenheit geraten, dafür sorgt die Mindener Gruppe des Internationalen Versöhnungsbunds, zu der auch das Ehepaar Wichmann gehört. Wenn am morgigen Sonntag die offizielle Feier zum Volkstrauertag - Beginn ist um 11.45 Uhr - vorbei ist, werden sie die Teilnehmer wieder auffordern, mit zum Gräberfeld zu kommen und Blumen niederzulegen. "Diese Gräber spielten beim Totengedenken am Volkstrauertag keine Rolle", sagt Erhardt Wichmann (83). Dabei seien auch sie Opfer des Krieges.
Das sollte vor 25 Jahren ein Gottesdienst zum Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion in der Martinikirche zeigen, bei dem die Namen der dort bestatteten Russen und Ukrainer verlesen wurden. Initiiert hatte ihn die Gruppe "Senfkorn - Christliche Friedensleute Minden". Außerdem wurden damals Paten für die Gräber gesucht. Seitdem kümmert sich die heute 81-jährige Magdalene Wichmann um Elisabeths letzte Ruhestätte.
Ein Jahr später kam die Gruppe auf die Idee, auch am Volkstrauertag auf dem Nordfriedhof aktiv zu werden. Denn auf die Verstorbenen "in der äußersten Ecke des Friedhofs" wurde nicht eingegangen. "Uns wurde gesagt, dass ja alle Kriegsopfer bei der Kranzniederlegung gemeint seien", sagt Magdalene Wichmann, die als Kind in Bremen Kontakt zu Zwangsarbeitern hatte. Das reichte den Friedensaktivisten aber nicht, die auch den lange Zeit verwendeten Begriff "Ostarbeiter" bemängeln. "Das waren Zwangsarbeiter", sagt Magdalene Wichmann bestimmt.
Und so forderten sie die Teilnehmer der Feier auf, ihnen zu den Gräbern zu folgen. Am Anfang machten das aber nur wenige mit. "Ja, das war nicht reibungslos. Viele wollten nicht mitgehen", bestätigt auch Reinhard Tschapke, Vorsitzender des Mindener Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Doch vieles habe sich mittlerweile geändert. Immer mehr Menschen schließen sich dem Gang zum Gräberfeld an, darunter auch der Bürgermeister und der Landrat.
Und auch an den Gräbern hat sich etwas getan: Vor ein paar Jahren hat Tschapke zusammen mit Zehntklässlern der Freiherr-von-Vincke-Realschule Schilder mit Übersetzungen der kyrillischen Namen aufgestellt. Irgendwann sollen Wegweiser zu den Gräbern führen. Gerne würde Tschapke auch die Schriftzüge nachziehen lassen, so wie auf den Grabsteinen der Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg. "Das ist aber ein hoher Kostenpunkt."
Auch am Sonntag wird wieder eine Gruppe zum Gräberfeld gehen, wo der ehemalige Pfarrer Wichmann eine kurze Rede hält, dann werden die Blumen niedergelegt. Eine kleine Gruppe von Helfern bindet die rund 140 Gestecke am heutigen Samstag zwischen 14.30 und 17 Uhr - zum mittlerweile 22. Mal. Wer mitmachen möchte, kann sich bei Wichmanns melden unter der Telefonnummer (0571) 56400. Eines der Gestecke ist dann auch wieder für Elisabeth reserviert.
Bildunterschrift: Erhardt und Magdalene Wichmann haben Patenschaften für einige der Gräber auf dem Nordfriedhof übernommen, in denen verstorbene Zwangsarbeiter bestattet wurden.
Bildunterschrift: Grab eines Zwangsarbeiters auf dem Nordfriedhof.
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18./19.11.2017
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