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Mindener Tageblatt , 18.11.2017 :

Späte Suche nach 70 Jahren

Filmvorführung und Zeitzeugen-Gespräch mit Natan Grossmann, einem Überlebenden des Lodzer Ghettos

Von Ulrich Westermann

Petershagen (Wes). Auf Initiative der Arbeitsgemeinschaft Alte Synagoge Petershagen wurde im Gymnasium der Dokumentarfilm "Linie 41" gezeigt. Dargestellt wird die Rückkehr eines Überlebenden des Lodzer Ghettos in das heutige Lodz. Dabei handelt es sich um Natan Grossmann, der in München lebt und im September 2017 90 Jahre alt geworden ist. Mit der Produzentin und Regisseurin Tanja Cummings war er im Gymnasium zu Gast.

Menschen kommen zu Wort, die in isolierten Welten in Lodz lebten

An der Filmvorführung und dem Zeitzeugen-Gespräch nahmen 120 Jungen und Mädchen der Q 1 (Jahrgangsstufe 11) und einige Angehörige der Q 2 (Jg. 12) teil. Einmütig war die Einschätzung: "Der Film ist lang, aber nicht langweilig. Die Regisseurin hat einen Blick für Charaktere, die einzigartig und beeindruckend sind." Nach der Vorführung und der Aussprache bildeten sich eine Gruppe um Natan Grossmann.

Begleitet wurde die Veranstaltung von Wolfgang Battermann von der AG Alte Synagoge sowie den Lehrern des Gymnasiums, Berthold Fahrendorf-Heeren (Deutsch und katholische Region) und Steffen Driftmann (Latein und Geschichte). Der Film "Linie 41" über das Konzentrationslager Lodz läuft derzeit in Krakau und auch in Stadthagen, Hannover und München.

Jahrelang hatte Natan Grossmann seine Erinnerungen an die Gefangenschaft im von den Deutschen eingerichteten Ghetto von Litzmannstadt (Lodz) verdrängt. Erst nach 70 Jahren begann er mit der Suche nach seinem Bruder und den Spuren der Eltern, die im Ghetto umkamen. Mitten hindurch verlief die Straßenbahnlinie 41, die von den deutschen und polnischen Einwohnern benutzt wurde und ihnen täglich das Elend vor Augen führte.

Als Jugendlicher verbrachte Natan dort vier Jahre in Gefangenschaft. Je mehr er über seinen Bruder in Erfahrung bringt, desto größer werden die Erinnerungen an die Eltern, sein Schicksal und das Leben und Sterben im Ghetto.

Grossmann wurde 1927 als Sohn eines Schusters geboren. Nach der Umsiedlung in das Ghetto musste er als Kind Zwangsarbeit leisten. Kurz vor der Auflösung wurde er nach Auschwitz-Birkenau und weitere Konzentrationslager deportiert. US-amerikanische Soldaten befreiten ihn am 2. Mai 1945 aus dem Auffanglager Wöbbelin.

Nicht nur Natan Grossmann begibt sich nach Lodz, sondern auch Jens-Jürgen Ventzki. Sein Ziel ist es, Licht in ein dunkles Familiengeheimnis zu bringen, denn sein Vater Werner Ventzki übte dort das Amt des Bürgermeisters aus. Er war ranghoher Nationalsozialist und Verwaltungsjurist. Jens-Jürgen Ventzki bricht mit der Suche nach den Taten und Motiven seines Vaters das Schweigen und Verdrängen in seiner Familie.

Im Zweiten Weltkrieg war Lodz wohl die einzige Großstadt in Europa, in der deutsche, polnische und jüdische Menschen dicht nebeneinander und doch Welten voneinander getrennt lebten. Täglich fuhren Straßenbahnen durch das Ghetto, das im April 1940 eingerichtet wurde und bis August 1944 bestand.

Ziel des Films war es, Menschen zu Wort kommen zu lassen, die im Zweiten Weltkrieg in den isolierten Welten in Lodz lebten. Dabei gelang es, ein bedrückendes Thema lebendig und menschlich darzustellen. "Eine große Aufgabe war es, letzte polnische, jüdische und deutsche Zeitzeugen zu finden, die aus ihrer Perspektiven berichten. Dabei handelte es sich um Opfer der Politik, Menschen der Täterseite und Zeitgenossen, die Zuschauer waren", sagte Tanja Cummings.

Aus unterschiedlichen Welten stammen Natan Grossmann und Jens-Jürgen Ventzki. Während der jüdische Junge knapp dem Tod entging, wuchs der Sohn des Bürgermeisters in einer wohlhabenden Familie auf. Die Regisseurin hat die Männer zusammengebracht, dabei ist eine Freundschaft entstanden. "Ich habe größte Hochachtung vor dem Sohn des früheren Bürgermeisters, der sich auf die Spurensuche begeben hat", bekräftigte Natan Grossmann.

Bildunterschrift: Natan Grossmann (3. v. l.) und Regisseurin und Produzentin Tanja Cummings (3. v. r.) präsentierten im Petershäger Gymnasium den Dokumentarfilm "Linie 41" über das Ghetto in Lodz.


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18./19.11.2017

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