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Mindener Tageblatt , 24.11.2017 :

Den Nazis die Stirn geboten

Wilhelm Gerntrup, früher Ortsheimatpfleger in Kleinenbremen, erinnert an Männer und Frauen mit Zivilcourage / Einige haben mit ihrem Leben bezahlt

Von Stefan Lyrath

Porta Westfalica-Kleinenbremen (Ly). Irgendwo in Frankreich, an einem unbekannten Ort, liegt Karl Meier begraben. "Ich habe mit seinen Eltern gesprochen", erzählt Wilhelm Gerntrup (80), früher Ortsheimatpfleger in Kleinenbremen. "Sie sind nie über das Schicksal ihres Sohnes hinweggekommen."

In seiner Jugend gehört Karl Meier, geboren im Juli 1907, zu den frühen Anhängern der jungen Kleinenbremer SPD-Garde, bevor er 1930 in die sozialdemokratische Partei eintritt. Der zurückhaltende junge Mann engagiert sich als Übungsleiter im Arbeiter-Turn- und Sportverein. Meier gründet neue Abteilungen für den Nachwuchs, bis der Verein 1933 verboten wird. Kinder, die er trainiert hat, tragen bald die Uniformen von "Hitlerjugend" und "Bund deutscher Mädel".

Seine Verbitterung lässt ihn nicht ruhen. Karl Meier nimmt Verbindung mit dem Widerstand in Schaumburg-Lippe auf, verteilt Flugblätter, wird im November 1933 von Gestapo-Leuten aus Bielefeld verhaftet und muss zwei Jahre ins Zuchthaus. Sofort nach Kriegsbeginn im Jahr 1939 wird der Kleinenbremer eingezogen. Im Frankreich-Feldzug kommt er 1940 in eine Strafkompanie und fällt.

Dieses Schicksal Meiers geht auch Wilhelm Gerntrup nahe, der im vollen Gemeindehaus einen Vortrag zum Thema "NS-Machtergreifung und Widerstand in Kleinenbremen" hält. Die letzten Sätze über Karl Meier fallen ihm sichtlich schwer. Einige Zuhörer haben Tränen in den Augen. Meier war ein Mann mit Zivilcourage.

Gerntrup erinnert an ihn und andere "Einwohner unseres Dorfes, die nicht bereit waren, den Verlust an persönlicher Freiheit so einfach hinzunehmen". Männer und Frauen, Menschen mit Rückgrat, die sich widersetzt haben. Einige wurden zu Opfern. "Ich glaube, wir sind es ihnen schuldig, dass sie nicht vergessen werden." Wilhelm Gerntrup hat mit 40 Zeitzeugen gesprochen.

Pfarrer Karottki lobt den "Geschichtsunterricht vor Ort"

Nach dem brillanten Vortrag spricht Pfarrer Ekkehard Karottki lobend von Geschichtsunterricht vor Ort. "Richtig interessant wurde es, als Namen genannt wurden", sagt er. "Was hätte ich getan?", fragt sich der Pastor und gibt zu: "Ich weiß es nicht." Pfarrer Martin Strathmann, einer von Karottkis Vorgängern, hat erst mit den Nazis sympathisiert, sich später aber von den braunen Machthabern abgewandt.

Im Jahr 1920 übernimmt Strathmann, vorher Offizier im Elitebataillon der Bückeburger Jäger, als Nachfolger seines Vaters die Kleinenbremer Pfarrstelle, nachdem er im ersten Weltkrieg eine schwere Kopfverletzung erlitten hat. Ab Mitte der 1930er Jahre, so Gerntrup, sei Strathmanns anfängliche Begeisterung für die nationale Bewegung dann einer sehr viel kritischeren Einstellung gewichen.

Der Pastor hegt nun Sympathien für die "Bekennende Kirche", eine Art Widerstandsbewegung der evangelischen Christen. Die Pfarrer Rocke (Holzhausen), Lohmann (Holtrup) und Wessels (Eisbergen) sind ähnlich furchtlos. Als Strathmann im Dezember 1937 einer Empfehlung der "Bekennenden Kirche" folgt und eine Kollekte für die Ausbildung des Pfarrernachwuchses einsammeln lässt, wird er jedoch nach Hausberge zitiert. Strathmann hat eine gute Ausrede, Nazi-Amtsbürgermeister Franz von Damaros sieht "keine Wiederholungsgefahr". Verpfiffen haben den Pastor Mitglieder des eigenen Presbyteriums.

Nicht so viel Glück hat Heinrich Habes. "Wenn von Nazi-Terror, Unterdrückung und Denunziation in unserem Dorfe die Rede ist, darf sein Name nicht fehlen", sagt Wilhelm Gerntrup. Habes, geboren 1893 und im ersten Weltkrieg schwer verwundet, gehört keiner Partei an, macht aus seiner Abneigung gegenüber der NSDAP aber keinen Hehl. "Durch seine bissigen Kommentare", so Gerntrup, "ist er den örtlichen Nazis und Hurra-Patrioten ein ständiger Dorn im Auge".

Anfang der 1940er Jahre wird Habes abgeholt. Nachbarn haben eine Unterschriftenliste gegen ihn unterzeichnet. Er kommt ins Arbeitserziehungslager Lahde, vergleichbar mit einem KZ. Wie viele Häftlinge wird auch Heinrich Habes zur Arbeit im Steinbruch Steinbergen gezwungen. Ein Zeuge beobachtet, dass er im Winter keine Socken trägt und von SS-Wachposten verprügelt wird. Ende Februar 1944 kommt Habes ins Krankenrevier des Lagers Lahde, wo er wenige Tage später stirbt. Meier, Strathmann, Habes - drei Beispiele von vielen.

"Es waren Einwohner unseres Dorfes, die nicht bereit waren, den Verlust an persönlicher Freiheit so einfach hinzunehmen. Wir sind es ihnen schuldig, dass sie nicht vergessen werden."
Wilhelm Gerntrup

Als die Nazis im Januar 1933 in Deutschland "die Macht ergreifen", wie sie es selbst nennen, hat Kleinenbremen rund 1.550 Einwohner. Seit 1919 stellt die SPD den Bürgermeister, die Bevölkerung ist linkslastig. Bei der letzten freien Gemeinderatswahl im März 1933 holen die Sozialdemokraten 61 Prozent der Stimmen, die bürgerliche Einheitsliste kommt auf 39 Prozent. Von der NSDAP ist noch nichts zu sehen, in der Kommunalpolitik spielt die Hitler-Bewegung keine Rolle. Mit einer eigenen Liste tritt die Partei nur in Eisbergen und Uffeln an.

Bald jedoch, noch vor den konstituierenden Sitzungen, werden alle SPD-Gemeindevorsteher ihrer Ämter enthoben, allein sieben im Bereich des Amtes Hausberge. Als "kommissarische Gemeindevorsteher" werden NSDAP-Mitglieder eingesetzt, in Kleinenbremen Wilhelm Pott, ein Reservelokführer, der später Ortsgruppenleiter wird.

Trotzdem wählt der Gemeinderat zunächst erneut Fritz Hahne (SPD) zum Vorsteher. Amtsbürgermeister Franz von Damaros greift ein. Fünf SPD-Männer geben unter großem Druck nach und unterzeichnen eine Erklärung im Sinne der Nazis. Bürgermeister beziehungsweise Gemeindeschulze in Kleinenbremen wird danach Daniel Mönkhoff. Er gilt, so Gerntrup als "menschlicher Typ und sorgt dafür, dass sich gefährdete Personen rechtzeitig in Sicherheit bringen können".

Im Jugendheim der Kirche, dem Vorgängerbau des 1954 errichteten Delius-Hauses, zieht unterdessen die NSDAP-Geschäftsstelle ein. Mehr als 80 Jahre später hält Wilhelm Gerntrup an dieser Stelle einen Vortrag.

Bildunterschrift: Wilhelm Gerntrup (Mitte) nach seinem Vortrag mit den Gastgebern: Pfarrer Ekkehard Karottki (l.) und Walter Caselitz, Vorsitzender des Heimatvereins.

Bildunterschrift: Die Kleinenbremer Kirche war zur Nazi-Zeit ein Ort des Mutes - und der Denunziation.


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