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Neue Westfälische ,
01.10.2015 :
Germaniten-Domizil hat neuen Besitzer / Zwangsversteigerung: Anhänger der rechtsextremen Justiz-Opfer-Hilfe randalieren vor Gericht / Der bisherige Eigentümer Ralf Wachsmuth distanziert sich von Weggefährten / Bieter ersteigern den Bau für 161.000 Euro
Von Ulf Hanke
Löhne / Bad Oeynhausen. Trotz massiver Randale vor der Zwangsversteigerung ist der Gebäudekomplex in Löhne, in dem auch die rechtsextreme Justiz-Opfer-Hilfe sitzt, erfolgreich unter den Hammer gekommen. Ein Bieter-Trio, das bereits ein Autohaus in Löhne betreibt, hat den Zuschlag für 161.000 Euro bekommen. Noch im Gerichtssaal kündigte einer der drei neuen Eigentümer an, die Rechtsextremisten aus dem Gebäude zu werfen.
Der Bieter sagte wörtlich, er wolle den Ort wieder zu einem "tollen, sauberen Platz" in der Stadt machen. Die anderen Mieter müssten sich keine Gedanken machen. In dem Gebäude sind eine Autowerkstatt, eine Pizzeria und ein Fitnessstudio als Mieter aufgeführt. Auf dem Festplatz gegenüber beginnt heute das Löhner Oktoberfest.
Vor der Zwangsversteigerung im Amtsgericht Bad Oeynhausen kam es zu Tumulten im Verhandlungssaal. Viele der etwa 30 Zuschauer standen von ihren Plätzen auf und riefen lautstark nach einem "Not-Staatsanwalt" und um "Hilfe". Dabei handelte es sich größtenteils um zugereiste Anhänger der Reichsbürger-Bewegung, die das Amtsgericht als "Firma" bezeichneten. Eine Frau trat laut schreiend ("Da sitzen die Rechtsbrecher!") nach vorn und schlug mit beiden Händen flach auf den Tisch der Rechtspflegerin, so dass diese zusammenzuckte.
Der bekannte Rechtsextremist Jürgen Niemeyer, der sich "Rechtssenator" nennt und offenbar in den Räumen der Justiz-Opfer-Hilfe wohnt, wurde als erster des Saales verwiesen. Sein Kompagnon Axel Thiesmeier, der als "Pastor" und "Missionar" der "Aktiven Christen" bezeichnet werden möchte, war nach Informationen dieser Zeitung gar nicht erst ins Gericht eingelassen worden. Als Niemeyer von zwei Polizisten aus dem Raum getragen werden sollte, klemmte er Aktentasche und Gehstock unter die Arme und eckte an Tischen und Türen an und rief laut schreiend: "Hilfe!"
"Da sitzen die Rechtsbrecher"
Nach Auskunft der Polizei wurden insgesamt 18 Störer aus dem Saal geleitet, gegen zwei wird wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte ermittelt. Die beiden wurden vorübergehend in den Arrestzellen des Amtsgerichts in Gewahrsam genommen und nach dem Ende der Versteigerung wieder freigelassen.
Als die Versteigerung mit mehr als einer halben Stunde Verspätung begann, distanzierte sich überraschend Ralf Wachsmuth, der bisherige Eigentümer des Gebäudes, von seinen alten Weggefährten. Wachsmuth erklärte, dass er Aufhebungsverträge mit 16 Organisationen der Justiz-Opfer-Hilfe gemacht und samt Unterschriften von Axel Thiesmeier dem Gericht geschickt hat. Wachsmuth: "Die Justiz-Opfer-Hilfe hat mich manipuliert. Die wollten mir alles nehmen, was ich habe. Ich will, dass die da rauskommen!"
Ob die 16 Mietverträge überhaupt rechtskräftig sind, ist unklar. Es wäre Sache eines Zivilprozesses, das zu klären. Doch die Anhänger der Justiz-Opfer-Hilfe lehnen die deutschen Gerichte bekanntlich ab. Der im Grundbuch seit 2012 eingetragene Nießbrauch und das Wohnrecht für zwei Mitglieder der Familie Wachsmuth ist mit der Versteigerung gelöscht.
Betreiberin der Zwangsversteigerung war die Stadt Löhne. Kämmerer Bernd Poggemöller gab ein Angebot knapp unterm Mindestgebot ab. "Wir wollten klare Verhältnisse schaffen, sonst säßen wir heute noch da", sagte der Poggemöller später zur NW.
Die neuen Eigentümer haben dem Vernehmen nach bereits die Zwangsräumung des Gebäudes beantragt.
Bildunterschrift: Raus: Ein Polizist zeigt diesem Anhänger der Justiz-Opfer-Hilfe den Weg nach draußen. Zwei Personen widersetzten sich den Vollzugsbeamten und wurden in den Arrestzellen des Gerichts in Gewahrsam genommen. 18 Platzverweise wurden erteilt.
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