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Zeitung für Bad Driburg und Brakel / Westfalen-Blatt ,
23.05.2015 :
Auf den Spuren jüdischen Lebens / Schalom-Stein vor der ehemaligen Synagoge in Brakel in würdiger Gedenkstunde enthüllt
Von Sabine Robrecht
Brakel (WB). Als sichtbares und deutliches Zeichen für den Wunsch, sich zu erinnern, würdigte Tanja Rubens, Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde Paderborn-Höxter-Soest, den Gedenkstein vor der ehemaligen Synagoge an der Ostheimer Straße.
Bei der Umgestaltung dieses Innenstadt-Quartiers ist die Wesersandstein-Tafel mit dem hebräischen Schriftzug "Schalom" (Frieden) vor dem Haus Nummer 14 in die neue Pflasterung eingelassen worden. "Diese Initiative schätzen wir sehr", betont Tanja Rubens.
Die etwa 1,1 mal 0,6 Meter große Tafel erinnert an das jüdische Leben in Brakel. Dessen Zentrum bildete die 1841 gebaute Synagoge. Im Vorderhaus wurden Wohnung und Schulräume eingerichtet, im Hinterhaus befand sich die Synagoge - ein sich über zwei Etagen erstreckender Sakralbau.
1847 lebten 156 Menschen jüdischen Glaubens in Brakel. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde die Synagoge verwüstet. Das 1939 verkaufte Gebäude diente als Stall, später als Werkstatt. In den 1950er Jahren folgte schließlich der Umbau zu einem Wohngebäude.
Anlässlich der Enthüllung des Schalom-Steins zeigt Sonja Klanke, Inhaberin des Fotostudios im Erdgeschoss, Exponate aus der jüdischen Geschichte Brakels. Sie dokumentieren das, was Shmuel Rubens bei der Gedenkstunde zum Ausdruck brachte: "Vor vielen Jahren hat es in Ihrer Mitte eine lebendige, schöpferische jüdische Kultur gegeben. Sie war Teil von Ihnen." Mit jüdischen Gebeten - dem Psalm 30 (Lied von der Tempelweihe) und dem Lied für den Frieden, das die jüdischen Gemeinden in der Synagoge während der Freitagabend-Gottesdienste vor dem Schabbat singen - vermittelten die Eheleute Rubens bewegende Einblicke in ihr Glaubensleben.
Eine Erinnerungskultur, wie Brakel sie pflege, "wird Ihren Kindern und Enkeln Kraft geben für die Zukunft", ist Shmuel Rubens überzeugt. Seine Ehefrau bekräftigt diese Einschätzung mit Blick auf die Gesellschaft von heute: "Von überall her kommen negative Einflüsse. Und die Menschen sind schwach. Deshalb schätzen wir diese Initiative hier in Brakel. Wir wollen, dass die Demokratie stärker und stärker wird."
Diesen Wunsch bekundeten auch die vielen Schüler, die zur Enthüllung des Schalom-Steins gekommen waren. Bürgermeister Hermann Temme erinnerte an das Novemberpogrom 1938 als ersten Schritt auf dem Weg zum Holocaust. "Fassungslos stehen wir vor der Erkenntnis, wozu Menschen fähig sind." Dass heute wieder Juden in Deutschland leben, "dürfen wir vielleicht als ermutigendes Zeichen für die Verfasstheit unseres Landes und die deutsch-jüdischen Beziehungen betrachten".
Das Planungsbüro BSL, das Ingenieurbüro Turk, die Familie Schrader und die Firma Tegetmeier haben das Gedenkstein-Projekt finanziell unterstützt. Ein Bericht über den Abschluss der Neugestaltung der Ostheimer Straße folgt.
Stadtführerin regt Besichtigung an
Stadtführerin Barbara Eller hat sich bei betagten Brakelern danach erkundigt, wie die Synagoge an der Ostheimer Straße von innen ausgesehen hat. Die Zeitzeugen wissen aus ihren Kindheitserinnerungen, dass der große Sakralraum bis ganz nach oben offen war. Die Decke habe einen blauen Himmel mit goldenen Sternen gezeigt. "Das war üblich", bestätigten die Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde, Tanja Rubens, und ihr Ehemann Shmuel Rubens. Beide luden dazu ein, die heutige Synagoge in Paderborn zu besichtigen. "Bei Führungen erläutern wir die
Ausstattung."
Mit Barbara Eller tauschte die Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde ihre Kontaktdaten aus. Wenn Brakeler Interesse haben, die Synagoge in Paderborn zu besichtigen, würde sie den am Freitag geknüpften Kontakt zum Ehepaar Rubens nutzen und eine Fahrt organisieren. "Vielleicht hat die Enthüllung des Gedenksteins Interesse geweckt." Barbara Eller würde sich freuen. Bei ihren Stadtführungen hält sie gern an der erhaltenen Rückwand der Synagoge inne und verweist auf ein Original- Rundbogenfenster im Giebel.
Bildunterschrift: Gedenkstein-Enthüllung vor der ehemaligen Synagoge in der Ostheimer Straße: Monsignore Franz-Josef Hövelborn (von links), Bauausschussvorsitzender Robert Rissing, Bürgermeister Hermann Temme, seine Stellvertreterin Ursula Grewe, Pfarrer Volker Walle, Pastor Christian Städter und Tanja und Shmuel Rubens. Der Schalom-Stein erinnert an das jüdische Leben in Brakel.
Bildunterschrift: Schülerinnen und Schüler aus mehreren Brakeler Schulen haben an der Gedenksteinenthüllung teilgenommen.
23./24.05.2015
brakel@westfalen-blatt.de
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