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Lippische Landes-Zeitung ,
14.07.2001 :
Zum Wochenende / Verantwortung
Von Michael Dahl
Peinlich, peinlich für Staatsschutz, Staatsanwaltschaft und das Amtsgericht. Die in Detmold aufgrund einer Anzeige des ehemaligen NS-Lagerleiters Karl Friedrich Titho aus Horn Anfang April vorgenommenen Durchsuchungen waren nicht nur rechtswidrig, sie haben auch nichts gebracht. Das nun jene sich bestärkt fühlen, die von vornherein in der Razzia nur eine politisch motivierte Aktion gegen unbequeme Zeitgenossen gesehen haben, müssen sich die Verantwortlichen selbst zuschreiben. Allein schon der Zeitpunkt der Aktion – mitten in einer gerade begonnenen politischen Diskussion um die Person Tithos – unterstützt geradezu derartige Spekulationen.
Immerhin, das Rechtssystem hat funktioniert, und so ist jetzt der Zeitpunkt erreicht, diese Fußnote abzuhaken und zu den wirklich wichtigen Aspekten des Falles zurückzukehren. Und diese notwendige Diskussion um Täter und Opfer im Nationalsozialismus, um Schuld und Verantwortung, um Sühne und die Aufarbeitung der eigenen Geschichte gehört nicht vor die Schranken des Gerichtes, sondern in die breite Öffentlichkeit, in Diskussionsrunden und Schulen.
Und davor darf sich keiner drücken, auch die Justiz nicht, die sich überall nicht gerade leicht tut mit der eigenen Vergangenheit. Da steht noch einiges an Nachforschungen aus, gerade wenn es um Nachkriegskarrieren oder den Umgang mit Nazitätern geht. Auch 56 Jahre später ist es bitter notwendig, über Forschung und Aufklärung dafür zu sorgen, dass sich die Gräuel der NS-Zeit nicht wiederholen. Kein Deutscher, kein Lipper kann seine Geschichte entkommen, mögen auch noch so viele nach Schluss der Debatte rufen.
Kein Zweifel, die Justiz steht hier nur stellvertretend für viele Berufsgruppen – für Lehrer, für Wissenschaftler, für Soldaten und natürlich auch für Journalisten.
14./15.07.2001
Detmold@lz-online.de
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