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Westfälisches Volksblatt / Westfalen-Blatt , 27.10.2012 :

Dunkles Kapitel freigelegt / Norbert Ellermann sucht Spuren auf ehemaligem SS-Schießstand in Wewelsburg

Von Hans Büttner

Wewelsburg (WV). Die Wachleute des Konzentrationslagers haben hier Schießübungen gemacht, und auch Hinrichtungen hat es höchstwahrscheinlich gegeben: Im Wald im Oberhagen in Wewelsburg befand sich im Krieg ein Schießstand der SS. Historiker Norbert Ellermann ist dort auf Spurensuche gegangen.

Lange war die Stätte in Vergessenheit geraten. Sie wurde zerstört, zugeschüttet und als wilde Müllkippe benutzt. Bis junge Leute sich in so genannten Workcamps unter anderem unter dem Dach der "Aktion Sühnezeichen" dafür stark machten, die Spuren der Vergangenheit wieder freizulegen. Dabei kamen auch Reste alter Waffen zum Vorschein. Ziel der Workcamps ist es, aktive Erinnerungsarbeit zu leisten und einen Ort des SS-Terrors wieder sichtbar zu machen.

Bereits im Jahr 1988 gab es mit einem internationalen Workcamp der "Aktion Sühnezeichen" einen ersten Versuch, die zugewucherte Anlage zu befreien. Im folgenden Jahr setzte eine ähnliche Aktion die Arbeit fort. Danach passierte nichts mehr, bis Ellermann sich wieder an das Werk machte. Ellermann hat an den Universitäten in Bielefeld und Münster Geschichte und Soziologie studiert. Im Kreismuseum Wewelsburg ist er als Museumspädagoge tätig.

"Die Schicksale der beim Bau beteiligten Häftlinge und der zu Tode gekommenen Menschen werden vor dem Vergessen bewahrt."
Historiker Norbert Ellermann

Seit einem weiteren Workcamp im November 2003 unter seiner Leitung finden bis heute regelmäßig solche Aktionen mit deutschen und ausländischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen statt. Handschuhe und Werkzeuge werden vom Kreismuseum Wewelsburg gestellt, zudem gibt es vom Förderverein des Kreismuseums eine großzügige Unterstützung bei den Verpflegungskosten. "Die Schicksale der beim Bau beteiligten Häftlinge und der zu Tode gekommenen Menschen werden so vor dem Vergessen bewahrt", sagt Ellermann.

Adolf Haas, der Lagerkommandant des in Wewelsburg kurz vor dem Krieg eingerichteten Konzentrationslagers Niederhagen, stellte im April 1941 einen Bauantrag für den Schießstand. Dieser wurde vom zuständigen Arbeitsamt unter der Maßgabe genehmigt, dass ausschließlich die Häftlinge des rund 200 Meter entfernt liegenden Konzentrationslagers die Anlage bauen. Der Schießstand mit Schießkanal aus zwei Wällen, Zielscheibenkeller und Kugelfang sollte vor allem der KZ-Wachmannschaft für Schießübungen dienen.

Der ehemalige Häftling Herbert Schmidt berichtete nach dem Krieg in einem Interview, dass er die Länge des geplanten Schießstandes mit einer Holzlatte abmessen musste. Aus Hunger aber auch als Vermessungshilfe sammelte er Bucheckern. Ein ungeduldig gewordener SS-Wachmann wollte ihm schließlich auf die Hände treten, so dass Herbert Schmidt in dem Moment behauptete, die erforderliche Länge des Schießstandes mit 150 Metern sei erreicht. Als die Schießbahn nach dem Krieg vermessen wurde, zeigte sich, dass sie nur 130 Meter lang war.

Wahrscheinlichkeit als Exekutionsstätte für Gefangene der Gestapo aus Westfalen-Lippe. In dieser Zeit wurden 14 Sowjetbürger erschossen. Im März 1945 fand eine Erschießung von 14 sowjetischen und einem polnischen Zwangsarbeiter statt, denen die SS Plünderungen im kriegszerstörten Paderborn vorgeworfen hatte. Nach der Hinrichtung wurden die Leichname in der Nähe verscharrt.

Nach dem Einmarsch der Amerikaner am 2. April 1945 gab es nach der Entdeckung des Massengrabes am 4. Mai ein so genanntes Sühnebegräbnis, an dem alle Wewelsburger und alle Menschen, die sich zu dieser Zeit im Dorf aufhielten, im Alter zwischen neu und 70 Jahren teilnehmen mussten. Die 2.000 Menschen mussten an den Leichnamen, die in offene Särge gelegt waren, vorbeigehen, was für viele Wewelsburger und Ortsfremde ein schockierendes Erlebnis war. Nach der Einbettung der Toten auf dem Gemeindefriedhof Wewelsburg folgte im Jahr 1961 eine erneute Umbettung der Sowjetbürger auf den Ehrenfriedhof sowjetischer Kriegstoter in Stukenbrock und des Polen auf den Ausländerfriedhof in Sennelager.

Bildunterschrift: Reste alter Waffen wie eine Panzerkartusche und einen Teil eines Gewehres hat Norbert Ellermann auf dem Gelände des ehemaligen SS-Schießstandes in Wewelsburg gefunden. Der Historiker möchte einen Ort des NS-Terrors wieder sichtbar machen.

27./28.10.2012
redaktion@westfaelisches-volksblatt.de

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