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gamma 186 - antifaschistischer Newsflyer Leipzig und Umgebung ,
01.04.2010 :
Borna ist gefallen: Die Nazi-"Gedächtnisstätte" wird ein Altersheim
Die Gedächtnisstätte Borna ist Geschichte: Am 1. Januar wechselte das Grundstück seinen Besitzer. Nun müssen sich die GeschichtsrevisionistInnen um den Gedächtnisstätte e.V. ein neues Gelände für den Bau ihres "Mahnmals" suchen. Die Grundstücksbesitzerin Gisela Limmer hatte Grundstück und Gebäude bereits im Frühjahr 2009 an eine Gesellschaft verkauft, die es zu einem Alten- und Pflegeheim umgestalten will. An den Gedächtnisstätte e.V. sollen 220.000 Euro überwiesen worden sein, um die Spender auszuzahlen. Damit kann das Projekt als vorerst gescheitert gelten.
Nachruf auf ein nationalsozialistisches Projekt
Am 5. März 2005 ersteigerte der Architekt Ludwig Limmer das über 10.000 Quadratmeter große Grundstück in der Röthaer Straße 22 - 24 in Borna für den Verein "Gedächtnisstätte". Ziel des 1992 unter anderem von Ursula Haverbeck-Wetzel gegründeten Vereins, der als Ableger des inzwischen verbotenen Collegium Humanums angesehen wird, ist es, "einen geeigneten Platz zu finden und genügend Mittel zu beschaffen, um einen zentralen Gedenkort für die Millionen (deutschen) Opfer von Bombenkrieg, Vertreibung und Gefangenschaft zu realisieren".
Geschichtsrevisionismus sollte hier, anders als beim Collegium Humanum, wo auch Seminare wie "Hitler als Wille Gottes" angeboten wurden, über die subtile Umkehrung der Täter-Opfer-Perspektive betrieben werden. Dafür wurde, nachdem der Bauausschuss der Stadt Borna am 7. November 2005 einstimmig eine Baugenehmigung erteilt hatte, ein germanischer "Thing"-Platz (ähnlich dem Dresdner Heide-Friedhof) angelegt und am 29. Oktober zunächst eine "Begegnungsstätte für Russlanddeutsche" auf dem Areal eingeweiht.
Erst nachdem Medien über den revisionistischen Hintergrund des Vereins und dessen enge Verbindungen zum Collegium Humanum berichtet hatten, machte die Stadt einen Rückzieher und erwirkte den Baustop für ein zwölf Meter hohes Metall-Gedenkkreuz, das bereits von der Firma des damaligen Bürgermeisters Bernd Schröter angefertigt worden war. Weitergehende Versuche der Stadt, den Kauf rückgängig zu machen, blieben hingegen erfolglos.
Am 6. April 2006 starb Ludwig Limmer. Fortan war seine Frau Gisela Limmer von Massow die Eigentümerin des Grundstücks. Zuvor hatte sich der gemeinsame Sohn, Hans-Christian Limmer, der anfangs noch als Miteigentümer aufgetreten war, aus dem Projekt zurückgezogen, wohl um einem Imageschaden seines Essener Franchise-Unternehmens "BackWerk" vorzubeugen.
Seit dem 1. Juli 2006 arbeitete der rechtskonservative Militärhistoriker Peter Hild als wissenschaftlicher Leiter der Gedächtnisstätte. War bis zu dessen Tod Ludwing Limmer selbst als Hauptfinanzier aufgetreten, übernahm diese Funktion danach vor allem der Solinger Bauunternehmer Günter Kissel, seit 2003 im Vereinsvorstand des Gedächtnisstätte e.V. Obwohl das Bautzener Oberverwaltungsgericht am 5. Februar 2007 den Baustop bestätigte, wurde die Gedächtnisstätte am 24. März 2007 offiziell eingeweiht. Unter den geladenen Gästen befanden sich Mitglieder des NPD-Landesvorstandes sowie der Landtagsfraktion.
Spätestens als von dem Gelände ein Angriff von 50 Nazis auf die TeilnehmerInnen einer Mahnwache ausging, waren letzte Zweifel über das Verhältnis zwischen dem Verein und der Nazi-Szene in der Region ausgeräumt. Dieser dienten die Räumlichkeiten von nun an als Veranstaltungs- und Schulungsorte. Zeitweise gab der bekannte Holocaust-Leugner Bernhard Schaub Seminare an jedem ersten Wochenende im Monat.
Nazi-Projekt war ein Zankapfel - vor allem für Nazis
Nazis vom Freien Netz Borna / Geithain veranstalteten auf dem Gelände 2009 ihre "Sommersonnenwendfeier" und dienten gelegentlich als HJ-Statisten, beispielsweise am 95. Geburtstag des Ritterkreuzträgers Hajo Herrmann am 9. August 2008. Hierzu fand sich bundesweite Nazi-Prominenz ein, darunter Udo Voigt und der Holocaust-Leugner Udo Walendy, um dem ehemaligen Luftwaffenoffizier und bekannten Altnazi ihre Ehre zu erweisen. Ebenfalls anwesend war Gisela Limmer von Massow.
Schon kurz darauf kam es zum Zerwürfnis zwischen Gisela Limmer und Peter Hild, der in einem Interview mit der neurechten Schülerzeitung "Blaue Narzisse" eine immer größere Nähe zur NPD kritisierte. Schon zu Hajo Herrmanns Geburtstag hätten der NPD-Kreisrat Gerd Fritzsche aus Borsdorf sowie der Parthensteiner NPD-Stadtrat Peter Köppe Hilds Aufgaben übernommen.
Letzterer präsentierte sich auch in der Öffentlichkeit als neuer Leiter der Gedächtnisstätte. In der Folge entbrannte eine öffentliche Schlammschlacht zwischen Peter Hild und der NPD Oberlausitz, in der wilde Anschuldigungen vorgebracht wurden. Nach Peter Hilds Ausscheiden gewannen Funktionäre der örtlichen NPD und des angeschlossenen Freien Netzes tatsächlich mehr Einfluss und wendeten das Bild der Gedächtnisstätte hin zum "Nationalen Sozialismus" der hiesigen NPD / JN. Tony Keil, Freies-Netz-Kader und NPD-Stadtrat aus Borna, hat zeitweilig in der Gedächtnisstätte gewohnt, und Thomas "Ace" Gerlach, Mitbegründer des "Freien Netzes" und Altenburger Kameradschaftsführer, war hier als Hausmeister beschäftigt.
Vielleicht unter dem Eindruck dieser Umorientierung oder auf Druck des Vereinsvorstandes entschied sich Gisela Limmer dann letztlich zum Verkauf des Geländes im Frühjahr 2009. Laut Peter Hild verließ der Verein im August 2009 das Grundstück. Das Eigentum des Vereins soll demnach in Westdeutschland eingelagert worden sein.
Dem Verein geht damit das bisher vielversprechendste Gelände für die Umsetzung der "Gedächtnisstätte" verloren. Außerdem dürfte die Enttäuschung der vielen Spender nicht gering sein, auch wenn versucht wird, sie für die getätigten Spenden zu entschädigen. Immerhin bleibt dem Gedächtnisstätte e.V. der Erlös aus dem Verkauf des Grundstücks. Weitaus schmerzhafter dürfte der Verlust für die regionale NPD, JN und "Freie Kräfte" sein, denen mit dem Gelände in Borna ein wichtiger Treffpunkt verloren gegangen ist.
Bildunterschrift: Schaulaufen der "Freien Kräfte" bei Hajo Herrmanns Geburtstagsfeier am 9. August 2008 in Borna (v. l.): Rico Graulich (FN Geithain), Istvan Repaczki (FN Leipzig), Tony Keil (FN Borna), Manuel Tripp und Andy Krumbiegel (FN Geithain), Sebastian Oehme (FN Geithain), Kevin Enge (FN Borna), Christian Trosse (FN Leipzig), Peter Kühnel (FN Borna), Gisela Limmer, Hajo Herrmann, Tommy Naumann (FN Leipzig).
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