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Neue Westfälische ,
29.08.2007 :
Der V-Mann mit den guten Freunden / Wie der Verfassungsschutz einen kriminellen Spitzel führt und die Bielefelder Staatsanwaltschaft ausbremst
Von Hubertus Gärtner
Der Verfassungsschutz in NRW hat einen Schwerkriminellen in der rechtsradikalen Szene als Spitzel geführt. Offenbar wurde der Straftäter sogar ganz gezielt vor polizeilicher Verfolgung geschützt.
Dortmund/Bielefeld. Eigentlich hätte der Fall viel mehr öffentliche Aufmerksamkeit verdient. Im Saal 24 des Dortmunder Landgerichts sitzen nur ein Dutzend Zuhörer. Sie ahnen nicht, welcher Skandal sich hinter den Kulissen abspielt. Und so schweifen ihre vorwurfsvollen Blicke nur still und stumm zur Anklagebank. Dort sitzt Robin Sch. (23). Er ist ein schlaksiger, hochgewachsener Mann mit schmalem Gesicht, über das manchmal ein hämisches Lächeln huscht, wenn sein Opfer im Zeugenstand von den erlittenen schweren Schussverletzungen erzählt.
Robin Sch. trägt eine weiße Trainingsjacke mit Motorrad-Emblemen, sein Kopf ist halb rasiert. Diesem Mann werden Kontakte zur rechtsradikalen Szene nachgesagt. Am 2. Februar dieses Jahres hat Robin Sch. im Dortmunder Stadtteil Brechten kurz vor Ladenschluss einen Plus-Markt überfallen. Als ihm dabei der Kunde Mustafa R. (60) in die Quere kam, feuerte Robin Sch. aus einer Pistole mehrere Schüsse ab. Zwei Kugeln trafen den gebürtigen Tunesier ins Bein, die dritte drang in die Brust und blieb kurz vor der Hauptschlagader stecken.
Wegen versuchter schwerer räuberischer Erpressung in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung wurde Robin Sch. am vergangenen Montag vom Dortmunder Schwurgericht zu einer Freiheitstrafe von acht Jahren verurteilt. Zuvor hatte der Angeklagte zwei Verhandlungstage eisern geschwiegen. Doch dann legte er plötzlich und völlig überraschend ein Geständnis ab.
Der Grund dafür steht in zwei dicken roten Aktenbänden, die der Dortmunder Oberstaatsanwalt Heiko Artkämper dem Schwurgericht sowie dem Verteidiger zur Einsicht überreicht hatte. Laut Artkämper enthalten die Akten Protokolle von Telefonüberwachungen. Letztere wurden von Bielefelder Ermittlungsbehörden im Rahmen eines umfangreichen Rauschgift-Verfahrens durchgeführt.
Das Verfahren trägt das Aktenzeichen 36 Js 689/07. Wie der Leitende Oberstaatsanwalt Wolfgang Schulze in Bielefeld auf Anfrage dieser Zeitung bestätigte, richtet es sich gegen Sebastian S. (27) aus Lünen. Ihm werde der Handel mit Betäubungsmitteln in nicht geringen Mengen vorgeworfen. "Der Beschuldigte steht im Verdacht, Kokain nach Detmold und Bielefeld geliefert zu haben." Weitere Einzelheiten will Schulze partout nicht nennen.
Nach Recherchen dieser Zeitung sind sie aber äußerst brisant. Denn Sebastian S. ist ein sehr gewaltbereiter und in der rechten Szene allseits bekannter Mensch. Sein Strafregister weist etwa 20 Eintragungen auf. Verstöße gegen das Waffengesetz, Körperverletzung, Nötigung, Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen und umfangreicher Handel mit Betäubungsmitteln – all das hat Sebastian S. bereits auf dem Kerbholz.
Dennoch wird er allem Anschein nach über Jahre hinweg vom nordrhein-westfälischenVerfassungsschutz als wichtiger Vertrauensmann (auch genannt "Spitzel" oder "V-Mann") in der rechten Szene des Ruhrgebietes geführt. Das hat die Telefonüberwachung im Ermittlungsverfahren 36 Js 689/07 ergeben – es wurde deshalb nun auch vor dem Schwurgericht in Dortmund ruchbar. Dort fühlte sich der Angeklagte Robin Sch. am Ende des Prozesses von seinem besten Freund Sebastian S. bespitzelt und bei der Polizei verraten.
Vermutlich waren beide Männer am Rauschgifthandel in Ostwestfalen-Lippe beteiligt. Bei einem Kokain-Deal mit Russlanddeutschen soll Robin Sch. anlässlich einer Übergabe in Detmold um 17.000 Euro geprellt worden sein. Danach bestand Sebastian S. als mutmaßlicher Hintermann offenbar darauf, dass Robin Sch. das Geld wiederbeschaffe. "Er hat mir damals die Waffe in die Hand gedrückt und mich losgeschickt", sagte Robin Sch. vor dem Dortmunder Schwurgericht. Kurz darauf überfiel Robin Sch. den Plus-Markt in Brechten und brachte fast einen Menschen um.
Zu diesem Zeitpunkt waren die Bielefelder Ermittler Sebastian S. schon hart auf den Fersen. Der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz muss davon erfahren haben. Nach Informationen dieser Zeitung hat er massiv versucht, die Strafverfolgung von Sebastian S. zu verhindern, um ihn nicht als Spitzel zu verlieren. Angeblich wurde Sebastian S. vom Verfassungsschutz sogar gewarnt, damit er in Zukunft vorsichtiger agiere.
Der Verfassungsschutz könnte deshalb staatsanwaltschaftliche und polizeiliche Dienstgeheimnisse verraten und sich der Strafverfolgungsvereitelung schuldig gemacht haben. "Nur der Innenminister als oberste Landesbehörde kann die Staatsanwaltschaft in solch einem Fall ermächtigen, gegen den Verfassungsschutz NRW ein Verfahren einzuleiten", sagt ein Ermittler, der namentlich nicht genannt werden möchte.
Verwicklungen auf höchster Ebene
Am Ende half die außergewöhnliche Obhut des Verfassungsschutzes übrigens nicht viel. Am 14. August wurde Sebastian S. in Dortmund vor dem TÜV-Gebäude an der Hansastraße von einem Spezialeinsatzkommando der Polizei (SEK) überwältigt und verhaftet. Dem Vernehmen nach wurde in der Wohnung des Beschuldigen ein umfangreiches Arsenal mit scharfen Waffen gefunden. Sebastian S. sitzt seither in Bielefeld-Brackwede in Untersuchungshaft. Die Hilfsgemeinschaft für Nationale Gefangene, eine einflussreiche rechtsextreme Organisation, führt den 27-jährigen auf ihrer aktuellen Liste mit Häftlingen, die einen Briefkontakt wünschen.
Der Fall des "Vertrauensmannes" Sebastian S. führt nach Informationen dieser Zeitung bereits auf höchster Ebene zu Verwicklungen. Wenn eines Tages die gesamte Wahrheit ans Licht kommt, dann wird das aller Voraussicht nach auch den nordrhein-westfälischen Innenminister Ingo Wolf (FDP) in Bedrängnis bringen. Er ist schließlich für das Treiben des Verfassungsschutzes verantwortlich.
Bildunterschrift: Pose: Niederländische Antifaschisten stellten dieses Bild von Sebastian S. (27) ins Internet. Er soll ein Vertrauensmann des Verfassungsschutzes gewesen sein.
Anmerkung von www.hiergeblieben.de: Artikel über Sebastian Seemann.
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